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SATI
150 x 200 cm (58" x 77½"), Acrylic/Canvas, 2002
"Sati, der Abschied" beschreibt
das Gefühl, zu einer Reise in unbekannte Territorien
aufzubrechen. Materiell gesehen springt die Frau auf den
Scheiterhaufen, aber ist das Feuer wirklich schlimmer als
das, was sie zurücklässt? Sie tritt durch eine
Tür aus Feuer, den kurzen Schmerz des Brennens, um
im Tod Befreiung von ihrer Existenz als Gefangene der Moralvorstellungen
ihrer Umwelt zu finden.
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DER HIMMEL (The Sky)
150 x 200 cm (58" x 77½"), Acrylic/Canvas, 2002
"Der Himmel, das Bett in den Wolken" macht
eine Referenz zum ehelichen Bett - das in letzter Instanz
zum brennenden Scheiterhaufen wird, wo sich die Witwe ein
letztes mal mit ihrem Ehemann vereinigen wird. Aber das Bett
aus Feuer wird zum Bett in den Wolken: kühl und luftig,
himmlisch und frei. Das luftige Element spiegelt sich in
der Kühle des Blaus wieder.
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Ein Bilderzyklus zum Thema Sati, dem indischen
Ritual der Witwenverbrennung
Im Jahr 2001 reiste ich für mehrere Monate
nach Indien. Seit Jahren interessiere ich mich für naturheilkundlichen
Verfahren und ich wollte nun Ayurveda in seinem Ursprungsland
kennenlernen. Doch sobald ich in Indien angekommen war, konnte
ich mich den dortigen Sichtweisen über die gesellschaftlichen
Stellung der Frau nicht entziehen und war tief betroffen. Aus
meinen Erfahrung heraus schrieb ich den Text: "Das Schwert in der Scheide - Über
weibliche Solidarität" (i) und begann einen Bilderzyklus,
der sich mit Sati auseinandersetzt, dem Ritual der Witwenverbrennung.
Sati ist im modernen Indien verboten, wird aber dennoch gelegentlich
in abgelegenen Gegenden praktiziert. Die ländliche Bevölkerung
sieht in Sati einen heroischen Akt, doch für mich ist es
ein Phänomen eines größeren Problemkreises: welche
Wahl- und Überlebensmöglichkeiten hat eine alleinstehende
Frau in der traditionellen (indischen) Gesellschaft überhaupt?
Über die Geschichte von Sati: Wurzeln und Gerüchte
Beim Sati (manchmal auch "Suttee" geschrieben) Ritual
wird die Lieblingsfrau auf dem Grab ihres Ehemanns getötet.
Es ist kein ausschließlich indische Ritual, sondern es
wurde in vielen Teilen der Welt praktiziert, wie z. B. in Skandinavien,
Ozeanien, Afrika und China, von wo aus es erst sehr spät
nach Indien kam. Obwohl Außenstehende oft glauben, dass
Sati ein Teil der Hindutradition ist, gibt es tatsächlich
in den klassischen Hinduschriften keinerlei Hinweise darauf.
Ganz im Gegenteil, gemäß den Begräbnisriten des
Rigveda (ii) existiert eine Zeremonie, bei der die Witwe neben
dem Leichnam ihres Mannes schläft, um dann die Erlaubnis
zu erhalten, sich auf neue mit dem Mann ihrer Wahl zu verheiraten.
Einigen Quellen zufolge, kam Sati durch die Kushans (iii) im ersten Jahrhundert
A.D. nach Indien und wurde dann dort von den Rajputs (iv) praktiziert.
Die Rajputs waren im Nordwesten Indiens lebende, sehr kriegerische Stämme,
der nicht nur immer wieder gegen die von Norden eindringenden Moslems
kämpften, sondern auch blutige Stammesfehden untereinander führten.
Eine interessante Erklärung für die Einführung des Sati
Rituals ist, dass aufgrund der ständigen Kriege viele junge Männer
ums Leben kamen und deren jungen Witwen eine Gefahr für die moralische
Stabilität der Gesellschaft darstellten. Sati war demzufolge eine
radikale Maßnahme, sich ihrer zu entledigen (Die Lösung der
Moslems, die vor dem selben Problem standen, war hingegen die Einführung
polygamer Ehen). (v)
Das Sati-Ritual, das im Süden Indiens nie praktiziert worden war,
wurden 1829 unter der Herrschaft der Briten als kriminelle Handlung eingestuft
und als solche verboten.
Sati als eine Form des Selbstmordes
Per Definition ist Selbstmord das willentliche Beenden des eigenen
Lebens. Idealerweise ist es dabei die bewusste Entscheidung eines
freien Individuums, aber sobald eine Handlung durch Kultur oder
Tradition bewertet wird, verwischt sich der feine Unterschied
zwischen sozialem Druck und persönlicher Motivation. Abhängig
von Zeit und Ort wird Selbstmord als heldenhafte Tat angesehen,
oder aber durch religiöse und weltliche Institutionen als
kriminell verurteilt. (vii)
Gemäß dem indischen Sati-Ritual folgt die Witwe ihrem verstorbenen
Mann auf den Scheiterhaufen. Die folgenden Beispiele zeigen die Parallelen
zwischen Sati und einer entsprechenden Tradition der Wikinger, bei der
die (Ehe-) Frau nach dem Ableben ihres Mannes geopfert wird. Hier wird
deutlich, dass das zugrundeliegende Konzept dieser Tradition jenseits
des Indischen Kontexts zu sehen ist (viii)
(1) ein beträchtlicher Zeitraum vergeht zwischen dem
Tod des Mannes und des Verbrennung der Frau [/Frauen], die
erst später, während der Beerdigungszeremonie umkommt.
(2) die Frauen und Konkubinen haben die Wahl, ob sie ihren Ehemann
oder Meister begleiten möchten, aber sobald diese Entscheidung
getroffen ist, kann sie nicht mehr rückgängig gemacht werden.
(3) die Frau, die sich freiwillig dafür entscheidet, zu sterben,
wird verwöhnt und umsorgt, und bis zum Tag (ihrer) Opferung als
etwas ganz besonderes behandelt.
(4) das Opfer wird durch Betonen ihrer Rolle als Frau/Konkubine und
ihrer Sehnsucht nach dem Verstorbenen dazu ermutigt, ihrem Tod furchtlos
entgegenzugehen; auch werden beruhigende oder berauschende Drogen eingesetzt,
um Widerstand zu brechen.
(5) das Opfern oder Freilassen von Vögeln, die die Seele oder
die Reise des Geists repräsentieren.
(6) eine alte Frau oder alte Frauen begleiten das/die Mädchen
(Frauen) zum Scheiterhaufen, weisen sie an, ermutigen sie und führen
das Opfer durch.
Sati ist eine Form des Selbstmordes, die sehr eng mit Ehre verbunden
ist: indem die Witwe Sati begeht, zeigt sie ultimative Loyalität
zu ihrem verstorbenen Ehemann. Zugleich wird auch sie zur Heldin
und steigert so den sozialen Status der Familie ihres Ehemannes.
Auf der anderen Seite ist es aber auch interessant, den Schuldaspekt
zu untersuchen: fühlt sich die Witwe schuldig am frühen Verscheiden
ihres Mannes? Falls dem so ist, stünde Salti in der Tradition jener
Selbstmorde, die in ausweglosen Situationen das Gesicht retten sollen.
Hara-Kiri in der traditionellen japanischen Gesellschaft ist ein Beispiel
hierfür, ein Zugeständnis an eine privilegierte Person, den
letzten, moralisch angemessenen Schritt zu tun, um die eigene Ehre zu
retten.
Andererseits muss die Praxis von Sati auch unter den soziologischen Aspekten
gesehen werden, die oben angedeutet wurden, nämlich dass (junge)
Witwen nicht nur eine Gefahr für die moralische Stabilität
für die Gesellschaft darstellen, sondern auch einen zusätzliche
Last für die Familie bedeuten. Denn, da sie nicht außerhalb
des Hauses arbeiten sollen (dies würde die Familie entehren) haben
sie keine Möglichkeit, ihren Lebensunterhalt zu verdienen. Sati
weist insofern auch Ähnlichkeiten mit den selbst-regulierender Selbstmorden
vorindustrieller Gesellschaften auf, wo nämlich die Mitglieder,
die nicht länger für sich sorgen können, ihren Freitod
zum Wohle der Gruppe wählen. Traditionell sind das normalerweise
die Alten und Schwachen; wenn eine junge Frau in ihrem gesellschaftlichen
Kontext jedoch auf dieselbe Art und Weise handelt, zeigt das, als wie
gering ihr Wert für die Gruppe gesehen wird.
Warum ich Sati gewählt habe
Was mich an Sati interessiert ist die Tatsache, dass es in gewisser
Weise einen Höhepunkt darstellt: für mich ist Sati
Metapher für einer Gesellschaft, die der Frau keinen Wert
als Individuum zugesteht, sonder sie vielmehr als die Erweiterung
des Mannes bzw. als seinen Besitzt versteht, deren Lebensrecht
demzufolge zusammen mit dem Leben des Mannes verlischt. Eben
weil das Sati-Ritual so grausamen und fürchterlich ist,
ist es für mich höchster und zugleich einprägsamster
Ausdruck ebendieser Haltung gegenüber Frauen.
Es ist sehr einfach, Sati als ein exotischen wenn auch schreckliches
Ritual einer weit entfernten Gesellschaft zu sehen, das nichts mit uns
oder unserer Kultur zu tun hat. Aber, indem ich Sati als ein Sinnbild
verstehe, symbolisiert es für mich Konzepte von Ehre und Schuld,
sowie eine ganz bestimmte Haltung gegenüber Frauen, die sehr wohl
auch in unserer eigenen post-industriellen, westlichen Gesellschaft existiert.
Denn was ist die Grundidee von Sati anderes als die einer Frau, die sich
selbst ausschließlich in Bezug auf ihrem Ehemann definiert (oder
vielmehr von anderen definiert wird), und sich dabei selbst als individuelles,
menschliches Wesen vergisst? Nimmt man solch einen Standpunkt ein, ist
es nur Folge einer grausame Logik, dass, sobald das Leben des Ehemannes
zuende ist, auch ihr Leben zuende sein muss. Und so ist der Weg auf den
Scheiterhaufen nur die konsequente Fortführung des Gedankens.
Während dieser letzte Schritt in der westlichen Gesellschaft nicht
gegangen wird, haben doch viele Frauen bezüglich ihrer Selbstwahrnehmung
als Individuum erschütternd ähnliche Einstellungen wie ihre
indischen Schwestern: sie opfern Leben und Individualität auf dem
Altar der Heirat, Familie und Karriere ihres Ehemannes. Und während
sie sich selbst Eigenständigkeit und beruflichen Erfolg verweigern,
definieren sie sich schließlich nur noch über ihre Funktionen
in "seinem" Leben.
Und eine letzte Frage taucht für mich auf: inwieweit handelt es
sich beim Sati-Ritual überhaupt um die freie Entscheidung eines
freien Individuums, wo endet der Selbstmord und beginnt der Mord? Denn
ich frage mich, in welchem Maße kann ein Individuum überhaupt
frei sein, wenn es in eine erstarrte Gesellschaft mit förmlichen
Haltungen und Verhaltensvorschriften geboren wird? Jeder Mensch steht
immer wieder vor der Entscheidung zwischen dem sich gesellschaftlichen
Kodexen Unterordnen einerseits - wobei der Preis stets der (partielle)
Verlust eigener Freiheit ist -, und der Rebellion gegen ebendiese Kodexe
andererseits, was meist mit dem Verlust des Schutzes der Gruppe einhergeht.
Eine Frau, die sich dem Sati-Ritual unterwirft und folglich dem Ehren-
und Moralkodex der Gruppe folgt, hat sich ganz klar gegen persönliche
Freiheit und für ihre Integration in die Gruppe entschieden. Dennoch
ist der Tod an sich immer auch der große Befreier: indem sie die
Linie (zwischen Leben und Tod) freiwillig überschreitet, wählt
sie den letzten Weg in die Freiheit, der ihr noch geblieben ist. Sati
ist tatsächlich ein Höhepunkt: im Moment der tiefsten Verstrickung
in repressive Moralvorstellungen einer traditionellen Gesellschaft öffnet
sich ihr eine Tür zu totaler Befreiung.
Die Sati Bilder
Beide vorliegenden Arbeiten haben Doppeltitel. Siehe oben.
(i) Karin Ulrike Soika. Das Schwert in der
Scheide - Über weibliche Solidarität. 2001
(ii) Rigveda: eine der ältesten Schriften des Hinduismus und gleichzeitig
der erste religiöse Text in einer Indio-europäischen Sprache.
Der früheste ist die Rig-Veda (rig = Lobeshymne), eine Sammlung
von 1,028 Versen. (The Columbia Encyclopedia, Sixth Edition. 2001)
(iii) Kushans: Kushandynastie; einer von fünf Stämmen der Yüeh-chih
die im1. Jahrhundert A.D. Bactria unter sich aufteilten. Frühe Kushan
Könige haben ihr Reich bis nach Nordindien ausgeweitet. (The Columbia
Encyclopedia, Sixth Edition. 2001)
(iv) Rajputs: [Sanskrit = Königssohn] die Herrscher von Rajputana,
einer historischen Region die heute fast exakt dem Staat Rajastan in
Nordwestindien entspricht. Die Rajputs sind in erster Linie Hindus (obwohl
es auch einige muslimische Rajputs gibt) aus der Kriegerkaste; traditionellerweise
haben sie großen Wert auf Etikette und militärische Tugenden
gelegt und sind sehr stolz auf ihre Herkunft. (The Columbia Encyclopedia,
Sixth Edition. 2001)
(v) Ed Viswanathan. Suttee has nothing to do with Hinduism!. Mandir Manthan
Bulletin Board. 1998 http://www.hindunet.org/wwwboard/mandir_manthan/messages/381.html
(vi) The Columbia Encyclopedia, Sixth Edition. 2001
http://www.bartleby.com/65/su/suttee.html
(vii) The Columbia Encyclopedia, Sixth Edition. 2001
http://www.bartleby.com/65/su/suicide.html
(viii) Davidson, Hilda Roderick. The Road to Hel: A Study of the Conception
of the Dead in Old Norse Literature. Cambridge: Cambridge Univ. Press
1943. reprint Westport, CT: Greenwood Press. 1968, 1977. ISBN 0-8371-0070-4.
http://members.tripod.com/larsdottir/vikfuneral.html
Weiterführende Links:
"Das Schwert in der Scheide - Über weibliche Solidarität"
Karin
Ulrike Soika, 2001
http://www.soika.com/links/archiv/texte/01d_schwertschei.htm
"Ohne Ehemann kein Recht auf Leben" - Artikel von
Tina Groll
gesche.online, Bremische Zentralstelle für die Verwirklichung
der Gleichberechtigung der Frau (ZGF), 2006
http://www.gesche.bremen.de/sixcms/detail.php?id=50079
"Die Sati ist ein Extrembeispiel für die Unterdrückung
der Frau!"
Interview von Tina Groll mit Karin U. Soika
gesche.online, Bremische Zentralstelle für die Verwirklichung
der Gleichberechtigung der Frau (ZGF), 2006
http://www.gesche.bremen.de/sixcms/detail.php?id=50454
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