 |
SÜDFRIEDHOF, München, 2006
Im April 2006 laufe ich durch
den Südfridhof in München, auf der Suche nach Zeichen für "menschliches
Trauern". Die deutschen Gräber sind so aufgeräumt...
und der Südfriedhof ist ohnehin ein "antiquierter Friedhof",
der für Bestattungen geschlossen ist.. |
 |
 |
| OSTFRIEDHOF, München, 2006 |
| |
 |
| OSTFRIEDHOF, München, 2006 |
 |
Ein paar Tage später besuche ich den Ostfriedhof. Ich will vertrocknete
Blumen sehen, diese morbiden Reliquien der Trauer. Rosen. Rosen sind fast am
Besten. Viele Leute sind unterwegs, sie richten die Gräber ihrer Angehörigen
für Ostern her. Die Stimmung ist... neutral. Sehr schönes Wetter. Als
ob diese Leute "zur Arbeit gingen"... sonderbar.
Als ich bereits auf
dem Weg hinaus bin, finde ich doch noch genau das Grab, dasich gesucht habe.
Ein un-deutsches, erschreckend persönliches Grab.
Ich nehme an, da ist ein Kind gestorben. Auf dem Grabstein stehen aber die
Daten eines Erwachsenen. Ein Kind. Irgendwo hängt ein Foto vom Meer. Stofftiere. |
 |
 |
| OSTFRIEDHOF, München, 2006 |
| |
 |
| OSTFRIEDHOF, München, 2006 |
|
 |
VELORITO oder: "Altar für das Kunstwerk,
das es nicht geschafft hat"
VELORITO ist die Verniedlichung des spanischen Wortes "velorio",
das "Abendveranstaltung, abendliche Dorfvergnügen" aber
auch "Beerdigung" bedeutet. Ein VELORITO ist demzufolge
ein "kleines Trauerritual".
Grundüberlegung · Installation & Happening · Parallelen · Ziele & Ergebnisse · Mögliche
Trauerobjekte · Ausblick
Grundüberlegung
Was hält die Menschen einander fern? Die Angst vor Verlust.
Und: das Leugnen von Verlust und der Trauer darum. Man leugnet
den Verlust also (und trauert natürlich auch nicht) und
meint damit, so vor ihm gefeit zu sein (obwohl man tief innen
eigentlich weiß, dass das nicht funktioniert.). Was wäre
die Alternative? Den Verlust anzuerkennen, als reale Möglichkeit
- die aber nicht zwangsläufig eintreten muss.
Ich glaube, indem man den Verlust verleugnet, erzwingt man geradezu,
dass er passiert.
Installation & Happening
VELORITO ist ein spontanes Happening, eine kurzfristig verabredetes
Treffen im öffentlichen Raum zur gemeinsamen Äußerung
von Trauer über Verlust und/oder Misserfolg.
Ort: unauffällig, im Stadtzentrum; Orte an denen Passanten
zufälligerweise vorbeikommen, z. B. auf Bürgersteigen;
auf keinen Fall Orte, die auf den ersten Blick "Kunst" vermuten
lassen
Abmessung: im Kontext variabel
Objekt: im Kontext ebenfalls variabel (s. "Protagonisten";
s. "Mögliche Trauerobjekte")
Material: Tuch, friedhofsübliche Kerzen, Bilder oder Symbole
für das Trauerobjekt, Blumen, also alles was "klassischerweise" auf
einem Friedhof oder Grab auftaucht; persönliche Erklärungen
zum Trauerobjekt
Protagonisten: Menschen, die ähnliche Verluste oder Misserfolge
erlebt haben, also ein gemeinsames "Objekt der Trauer" haben.
Interaktion: mit Passanten; symbolische Ausweitung: die Aktion
geht vom spezifischen Trauerobjekt hin zur Tätigkeit des "Trauerns" im
Allgemeinen: Trauern als eine menschlich verbindende Tätigkeit.
Zeitrahmen: Happeningcharakter; Zeit für Interaktion zwischen
Protagonisten und Passanten; die Installation kann danach einfach
stehen gelassen werden, um noch einige Zeit an das Happening
zu erinnern
Parallelen - menschliche Trauer im öffentlichen Raum
9-11 Altäre
Nach den Anschlägen am 11. September 2001
tauchten an verschiedenen Stellen in New York spontane "Altäre" auf,
an denen vermisster Freunde oder Verwandter gedacht wurde. Diese
Altäre waren offener Ausdruck von Trauer, aber auch von
Mitgefühl: Menschen, die nicht selbst Angehörige verloren
hatten, konnten Anteil nehmen. Bildbeispiele:
Altar
1
Altar 2
Diese Art des "öffentlichen Trauerns" ist für
unseren Kulturkreis (Deutschland) sehr ungewöhnlich. "Trauer" findet
hier fast ausschließlich auf dem Friedhof statt, und auch
dort nur in einer sehr strengen, reglementierten Form: es werden
kaum Gefühle der Trauer gezeigt, im Gegenteil, oft wird
explizit dazu aufgefordert, "von Beileidsbekundungen abzusehen".
In der Karibik habe ich einmal eine ganz andere Beerdigung erlebt.
Teilweise fand ich diesen hinausgeschrieenen Schmerz sehr erschütternd.
Aber wenn man ihn, wie hier, innen vergräbt, ist das nicht
schlimmer?
"Marterl"
Einen kleinen Sonderfall bilden die in Bayern
verbreiteten "Marterl":
hier wird häufig Angehöriger gedacht, die durch Unfall
oder Unglück ums Leben gekommen sind. Der Ort des Unglücks
wird zum Ort der Trauer und des Gedenkens gemacht, und unbeteiligte
Passanten werden eingeladen, am Verlust teilzuhaben. Bildbeispiele:
Marterl 1
Marterl 2
Thomas Hirschhorn
Thomas Hirschhorn hat mehrmals "Kioske" oder "Altäre" für
die Künstler gebaut, die ihn für ihn wichtig, beeinflussend
waren. Seine Installationen sind ausführlich dokumentiert,
z. B.
Kiosk 1
Kiosk 2
Diese Installationen beschäftigen sich aber tendenziell
eher mit "Gedenken an" als mit "Trauer um".
Ziele & Ergebnisse
VELORITO: öffentliches Trauern als ein verbindendes - bereicherndes
- befreiendes Element
Verbundenheit
VELORITO als ein gemeinschaftliches, gemeinschaftsbildendes
Ritual, Trauer, Schmerz, Misserfolg zu zeigen und sich mit anderen
verbunden
zu fühlen: wer ist tatsächlich frei von Verlußt
oder Misserfolg?
Teilen & Bereicherung
Teilen bedeutet heute für die meisten Menschen: ich gebe
etwas von dem ab, was ich habe - aber weil jeder ja immer
nur "Erfolg" und "Geld" hat, ist die Handlung
des Teilens mit dem Gedanken an materiell Verarmung verbunden.
Würde man zugeben, dass man auch Misserfolge hat, und könnte
man diese (mit-)teilen, dann hätte man ebenfalls weniger
zu tragen: und zwar an Schwermut. Schmerz oder Misserfolg zu
teilen verteilt die Last plötzlich auf viele Schultern.
Gemeinsames Trauern befreit und erleichtert, denn wir können
den "wunden Punkt" loslassen.
Vielleicht hängt das Teilen von Schmerz auch irgendwie mit
dem Teilen von Wohlstand zusammen: wenn man das eine nicht kann,
wird man auch das andere nicht tun?
Loslassen
Das, was wir verbergen und unterdrücken auszusprechen und
mitzuteilen, setzt blockierte Teile unserer Kraft frei. Wenn
wir öffentlich um etwas trauern, können wir es anschließend
loslassen, und erst dann kann die Wunde heilen.
Viele Menschen sind jahrzehntelang in ihrer nicht-gelebten Trauer
gefangen, es gab z. B. nie wirklich Möglichkeiten für
Soldaten dem Seelenschmerz Ausdruck zu geben, den ihnen ihre
Erlebnisse an den Kriegsschauplätzen verursacht haben.
Solch unterdrückter Schmerz resultiert in Menschen, deren
normales Empfinden gestört ist, sie sind "anders" als
früher, aber wenn man fragt erntet man nur Schweigen. Das
ist eine sehr traurige Situation.
Mögliche Trauerobjekte
Den Möglichkeiten sind keine Grenzen gesetzt. Es gibt heftige
(s. oben, Kriegserlebnisse), aber für den Anfang könnte
man mal mit den eher netten, lustigen anfangen:
"Kunstwerke, die es nicht geschafft haben"
...die bei fast jedem Künstler irgendwo an die Atelierwand
gelehnt herumstehen; gelegentlich überlegt man ernsthaft,
sie zu vernichten. Meist tut man es aber nicht. Sie gehören
irgendwie zum Werk, und obwohl sie strenggenommen "Misserfolge" sind,
gewinnt man sie mit der Zeit lieb, es entsteht eine vertraute
Verbundenheit, denn sie haben einen so lange begleitet.
"
Bilder, die es nicht geschafft haben" sind wohlweißlich
Teile des Werkes, so wie Trauer auch nur ein Teil der allgemeinen
Befindlichkeit des Menschen sein sollte, und nicht die alleinige.
Es geht nicht darum, sich als einen erfolglosen Künstler
darzustellen, sondern viel eher zu sagen "Hey, bei mir läuft
es gut und ich bin zufrieden - aber auch bei mir klappen
manche Dinge nicht." Misserfolg ist etwas urmenschliches - und
also solches ein wunderbar verbindendes Element.
...oder aber: "Liebhaber, mit denen es nicht hingehauen
hat..."
Wie wäre es mit einem alternativen Trauerobjekt, einer Runde
VELORITO für all die Liebhaber, mit denen es nicht hingehauen
hat? Jaja, vielleicht sollte man dieses kleine, traurige Gefühl "nicht
geliebt zu sein" (was ja immer eine absolut subjektive Angelegenheit
ist) etwas näher betrachten. Normalerweise behält man
es ja eher für sich - und vielleicht wäre es
sehr befreiend, es gemeinsam zu betrachten?
Mit jeder Menge kleiner Polaroids, von all den Typen (und Typinnen)
mit denen es nicht geklappt hat? Könnte vielleicht sogar
recht lustig werden...
oder ganz allgemein: "Niederlagen"
Anfang April 06 steht in der SZ:
"Der Sozialwissenschaftler und Publizist Jan Philipp Reemtsma
hat einmal beschrieben, was es bedeutet, zu verlieren: "Niederlagen
sind unerträglich. Wer mit einem Geschäft bankrott
macht, wessen Fuß an der Latte hängen bleibt, wer
auf der Bühne ausgepfiffen wird, wer aus dem Ring geprügelt,
wird, wem die Frau ausgespannt wird, will bestimmt auch brüllen
vor Schmerz...." (Ach ja, in dem Artikel geht es um Oliver Kahn. Und das jetzt
Lehmann bei der WM im Tor stehen wird...)
Ja, all das wird normalerweise ganz vehement weggesperrt. Hier
zeigt doch jeder immer nur seine Erfolge... und kehrt dabei
die Misserfolge am liebsten unter den Teppich... und fühlt
sich irgendwann sehr allein und kraftlos...
Ausblick
VELORITO ist ein Kunstwerk das nur im Tun erfahrbar wird
und bei dem sich die klassische Trennung zwischen Akteuren
und Publikum idealerweise verwischt. Der Betrachter soll
und muss in die künstlerischen Handlungen einbezogen
werden damit sich so Kunst und alltägliches Leben miteinander
verbinden.
VELORITO ist ein Konzept, ein Reigen von Sichtweisen, Definitionen
und Regeln, aus der ich eine mit Bedacht offen angelegte
Handlungsanweisung entwickelt habe deren jeweilige Ausprägung
stets von den Beteiligten abhängigen sein wird und die
explizit nicht an mich als ausführende Person gebunden
ist.
VELORITO ist open souce, es greifen dieselben Regeln wie
für entsprechende Software: die Arbeit liegt in lesbaren
und verständlichen Form vor, darf beliebig kopiert,
verbreitet und genutzt werden, und darf verändert und
in der veränderten Form weitergegeben werden - wobei
ich mich über Rückmeldungen freue. |