Kunst und Kunsttherapie
Immer wieder einmal taucht in mir die Frage auf: Wo ist die
Trennlinie zwischen Kunsttherapie und Kunst zu ziehen? Ich
mache Kunst - aber gerade als abstrakter Künstler
rücke ich in meinen Werken oft in die Nähe jener
Arbeiten, die manchmal aus Psychiatrischen Fachstationen zu
uns gelangen.
Wo ist hier eine Trennlinie zu ziehen? Gibt es überhaupt
eine Trennlinie? Oder sind wir - die Künstler und die
Psychatriepatienten - alle mehr oder weniger "verrückt"?
Der Akt zu Malen hat auf mich denselben befreienden Effekt,
den er auch auf die Patienten hat. Ich kann loslassen, mich
entspannen, in mir einen Pol der Ruhe entdecken. Also, frage
ich mich, schaffe ich nun ein "Kunstwerk" - oder
ist das Produkt lediglich das Ergebnis meines eigenen seelischen
Reinigungsprozesses? Ist das Bild in erster Linie "für
mich", und kann es, wenn es in erster Linie zu meiner
eigenen seelischen Reinigung diente, dem Betrachter überhaupt "etwas
geben"?
Im Rahmen des Antwortsuchens auf diese Fragen, wende ich mich
der kunsttherapeutischen Fachliteratur zu. Bei Jolanda Jacobi
stoße ich auf folgendes Zitat:
"...Dagegen können "Bilder aus dem
Unbewußten" sozusagen nur als Rohmaterial der
unbewußten Seele angesprochen werden, zu der die zusammenballende
und formende schöpferische Kraft eines wirklichen Künstlers
hinzukommen müßte, um sie als "Kunstwerk
bezeichnen zu dürfen" (1)
Ein Fazit aus hieraus wäre also, daß ein Kunstwerk
eine Qualität von TRANSZENDENZ aufweist. Der Künstler
hat die aufsteigenden Bilder (im Gegensatz zum Patienten) durchgearbeitet.
Er beherrscht sie, und formt sie (anstatt von ihnen beherrscht
zu werden). Das "Hervorbrechen" ist spontan, aber
auch kontrolliert, wie die kontrollierte Implosion eines Hauses...
Der Künstler ist "in Kontrolle".
Ein weiterer Punkt, den das "kunsttherapeutische Produkt" von "Kunstwerk" unterscheidet,
ist die TRANSPERSONALITÄT: Die aufsteigenden Bilder haben
eine transpersonale Qualität. Sie sind nicht länger
aus "persönlichen Erlebnissen" des Künstlers
geboren, sondern von ihm und seiner Persönlichkeit losgelöst.
Sie stehen frei im Raum, bilden ein Drittes (zu: Künstler
und Publikum).
Wenn ich heute meinen eigenen künstlerischen Werdegang überprüfe,
kann ich ganz klar sagen, welche meiner Bilder in erster Linie "kunsttherapeutischer
Natur" waren, und welche Bilder die Qualitäten der
Transzendenz und Transpersonalität besitzen. Ich glaube
es ist ein natürlicher Prozeß, daß jeder Künstler
in den Anfangsjahren seines Schaffen erst einmal viele persönliche
Thematiken durcharbeiten, den "Teufel" quasi erst
einmal "an die Wand malen" muß, um ihn dann
zu transzendieren. Erst an diesem Punkt aber, wenn die Transzendenz,
die ÜBERWINDUNG gelungen ist, beginnt das wirkliche künstlerische
Schaffen.
Ein weiterer interessanter Aspekt ist die Gegenüberstellung
von künstlerischem Können (ich beziehe mich hier
auf die rein technisch-formalen Aspekte) und seelischer Reife.
Wenn wir in das kunsttherapeutische Szenario zurückkehren,
ist es möglich, daß ein kunstfertiger Künstler
bei der Aufgabenstellung des spontanen Ausdrucks nur schwach
abschneidet. Dagegen kann ein "reifer Mensch" möglicherweise
ein sehr starkes Bild malen - das, aber das ist in diesem Falle
eher unwichtig - künstlerisch-technisch nicht so
durchgearbeitet ist.
Wenn man jetzt, angesichts des soeben gesagten, die Tendenzen
der Moderne betrachtet, ist da ganz klar zu erkennen, daß das "technisch-künstlerische
Können" an Bedeutung verliert - zugunsten eines spontanen,
freien und authentischen Ausdruck, einer "seelischer Tiefe" des
Werkes.
Kunst und Religion haben im Laufe der Geschichte immer wieder
unterschiedliche Verhältnisse zueinander gebildet. In
Primitiven Kulturen gibt es keine Unterscheidung zwischen den
beiden. Kunst und Religion sind eines. "Kunst" ist
mehr als nur Selbstausdruck, es ist ein Mechanismus zur Aufrechterhaltung
der "Anbindung" an den Grund, den Boden, die materielle
Realität. Wer nicht "kreiert " (und das schließt
alles Formen des menschlich-künstlerischen Ausdrucks mit
ein, also Tanz, Musik, Malerei, Medizin), ist "tot".
In der sogenannten "Hochblüte der Kultur",
der Renaissance, Barock etc., dient die Kunst der Religion.
Die Werke Michelangelos und seiner Zeitgenossen sind vollendete
Kunstwerke, doch in erster Linie sind sie Illustrationen kirchlicher
oder politischer Inhalte. Die ursprüngliche Funktion der
Kunst, nämlich den einzelnen Menschen "Lebendigkeit" fühlen
zu lassen, ist verloren. Kunst wird in die Hände einiger
weniger "Künstler" monopolisiert, und die breite
Masse wird zu bewegungslosen ("toten") Betrachtern.
Wer aber nicht "tanzt/malt/trommelt", lebt mehr
und mehr in einer nur noch "virtuellen" Welt. Er
erfährt sich nicht mehr selbst, er kennt sich nicht mehr
selbst. Seine Welt wird zu einer reinen Gedankenwelt, die fern
ist von allem greifbaren, berührbaren ist, denn wir brauchen
kreativen Ausdruck, um unsere Menschliche, primitiv-kreative
Natur zu erinnern.
Kunst hält uns in der Realität. Sie zeigt uns, daß wir
einen Körper und eine Seele haben, und daß dieses "ich",
dieses "Wesen" Teil von etwas größerem,
einer größeren Realität ist. Tanz, Musik und
Malerei, all diese Betätigungen bezeugen unsere Kreativität
und unsere Lebendigkeit. Sie machen uns unser Menschsein erfahrbar
- wenn wir unser Menschsein vergessen, werden wir zu lebensverachtenden
Bestien.
Vielleicht ist die Nähe von Kunst und Kunsttherapie in
der heutigen Zeit ein Hinweis: auf eine Entwicklung, die weg
von der "Monopolisierung der Kunst" im Mittelalter
und hin zu einem Ideal des kreativen Ausdrucks für alle
führt.
Den Künstlern - jenen wahren, die die Transzendenz
und die Tranpersonalität beherrschen, kommt hierbei eine
besondere Rolle zu. Vielleicht haben sie ihre elitäre
Stellung nicht länger inne, denn immer mehr "normale
Bürger" beginnen künstlerisch zu schaffen. Aber
dennoch kommt ihnen eine besondere Funktion zu: die des "Vortänzers",
des Zerimonienmeisters, die dessen, der das Ritual durchblickt.
Sie leiten die Masse an, ihre Werke dienen der Inspiration:
sie weisen den Weg.
Wo ist also die Trennlinie zwischen Kunst und Kunsttherapie?
Vielleicht gibt es wirklich keine, sondern nur einen fließenden Übergang.
Vielleicht sind wir alle - die Künstler und die Psychatriepatienten
- mehr oder weniger "menschlich" - mit unserer Kreativität
als inherenten Teil dieser Menschlichkeit?
(1) Jolanda Jacobi, "Vom
Bilderreich der Seele", P. 38
Weiterführende Gedanken und Meinungen
12. August 2001, Reinhard K.:
... ist die Trennung zwischen Kunst und Kunsttherapie klar
zu ziehen:. es ist das gezielte Steuern, mit (oder aus) dem
ein Künstler sein Werk gestalten will... wie entsteht
eine künstlerische Idee? Wohl so wie alle Ideen, Bilder
und Gedanken. nur ist die Sensibilität des Künstlers
erheblich stärker ausgeprägt als bei andern Menschen.
er ist fähig, Bilder und Ideen, die in einem andern Menschen
auch vorhanden sind, stärker wahrzunehmen und in Farbe,
Klang, Sprachbildern... gestalterisch umzusetzen.
Daß dabei ein therapeutischer Effekt entstehen kann,
sehe ich eher als Entlastung nach der Realisierung oder als
Entspannung nach einem gedanklichen Reifungsprozess... Die
Trennlinie zur Psychopathologie ist nach meiner Meinung die
ständige volle Bewußtheit über alle Gedankengänge
und ihre stets bewußte Steuerung in der Phase der Realisierung...
Zum Kirchenbau:
In den (der Rennaissance) vorhergehenden
Epochen waren die Kirchen immer am Volk orientiert: Basilika:
die große
Halle für das gläubige Volk; Romanik: die Wehrkirche
zum Schutz des gläubigen Volkes. Eine Gestaltung des Sakralraumes
durch die Kunst war nicht eingeplant. Wenn in frühen Kirchen
(Katakomben, Ravenna, romanische Kirchen) Wände ausgemalt
wurden oder Sarkophagwände plastisch gestaltet wurden,
so galt dies nur der religiösen Unterweisung des Volkes
(Bibelzyklyklen an den Wänden, Auferstehungssymble an
der Grabwand....)
In der Rennaissance (16. Jh) wird der
Kirchenbau wird klar Auftragsbau. Wichtig ist jetzt die Repräsentation der
Macht und den Reichtum des Stifters (Päpste, Fürstenhäuser,
Bischöfe...) zur Schau zu stellen. Die Kirche wird nicht
mehr von Steinmetzen aus dem Volk erbaut. Die teuersten und
berühmtesten Architekten und Künstler sind jetzt
gerade gut genug. Bereits bestehende Werke müssen überboten
werden (Dom von Florenz - Dom in Rom; Dom in der Hauptstadt
von Benin inmitten der Wüste wurde ca. 1985 größer
gebaut als jener in Rom).
Dabei ergibt sich ein erstes religiöses Problem: je prachtvoller
und reicher die Kirchenbauten werden, um so fremder werden
sie dem Volk und um so stärker geht die religiöse
Praxis und Glaubwürdigkeit zurück...
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