My language is vibrant color and line.
 
 
Abstrakt, Acquarell, 2001
OHNE TITEL
Watercolor, 2001
space

Kunst und Kunsttherapie

Immer wieder einmal taucht in mir die Frage auf: Wo ist die Trennlinie zwischen Kunsttherapie und Kunst zu ziehen? Ich mache Kunst - aber gerade als abstrakter Künstler rücke ich in meinen Werken oft in die Nähe jener Arbeiten, die manchmal aus Psychiatrischen Fachstationen zu uns gelangen.

Wo ist hier eine Trennlinie zu ziehen? Gibt es überhaupt eine Trennlinie? Oder sind wir - die Künstler und die Psychatriepatienten - alle mehr oder weniger "verrückt"?

Der Akt zu Malen hat auf mich denselben befreienden Effekt, den er auch auf die Patienten hat. Ich kann loslassen, mich entspannen, in mir einen Pol der Ruhe entdecken. Also, frage ich mich, schaffe ich nun ein "Kunstwerk" - oder ist das Produkt lediglich das Ergebnis meines eigenen seelischen Reinigungsprozesses? Ist das Bild in erster Linie "für mich", und kann es, wenn es in erster Linie zu meiner eigenen seelischen Reinigung diente, dem Betrachter überhaupt "etwas geben"?

Im Rahmen des Antwortsuchens auf diese Fragen, wende ich mich der kunsttherapeutischen Fachliteratur zu. Bei Jolanda Jacobi stoße ich auf folgendes Zitat:

"...Dagegen können "Bilder aus dem Unbewußten" sozusagen nur als Rohmaterial der unbewußten Seele angesprochen werden, zu der die zusammenballende und formende schöpferische Kraft eines wirklichen Künstlers hinzukommen müßte, um sie als "Kunstwerk bezeichnen zu dürfen" (1)

Ein Fazit aus hieraus wäre also, daß ein Kunstwerk eine Qualität von TRANSZENDENZ aufweist. Der Künstler hat die aufsteigenden Bilder (im Gegensatz zum Patienten) durchgearbeitet. Er beherrscht sie, und formt sie (anstatt von ihnen beherrscht zu werden). Das "Hervorbrechen" ist spontan, aber auch kontrolliert, wie die kontrollierte Implosion eines Hauses... Der Künstler ist "in Kontrolle".

Ein weiterer Punkt, den das "kunsttherapeutische Produkt" von "Kunstwerk" unterscheidet, ist die TRANSPERSONALITÄT: Die aufsteigenden Bilder haben eine transpersonale Qualität. Sie sind nicht länger aus "persönlichen Erlebnissen" des Künstlers geboren, sondern von ihm und seiner Persönlichkeit losgelöst. Sie stehen frei im Raum, bilden ein Drittes (zu: Künstler und Publikum).

Wenn ich heute meinen eigenen künstlerischen Werdegang überprüfe, kann ich ganz klar sagen, welche meiner Bilder in erster Linie "kunsttherapeutischer Natur" waren, und welche Bilder die Qualitäten der Transzendenz und Transpersonalität besitzen. Ich glaube es ist ein natürlicher Prozeß, daß jeder Künstler in den Anfangsjahren seines Schaffen erst einmal viele persönliche Thematiken durcharbeiten, den "Teufel" quasi erst einmal "an die Wand malen" muß, um ihn dann zu transzendieren. Erst an diesem Punkt aber, wenn die Transzendenz, die ÜBERWINDUNG gelungen ist, beginnt das wirkliche künstlerische Schaffen.

Ein weiterer interessanter Aspekt ist die Gegenüberstellung von künstlerischem Können (ich beziehe mich hier auf die rein technisch-formalen Aspekte) und seelischer Reife. Wenn wir in das kunsttherapeutische Szenario zurückkehren, ist es möglich, daß ein kunstfertiger Künstler bei der Aufgabenstellung des spontanen Ausdrucks nur schwach abschneidet. Dagegen kann ein "reifer Mensch" möglicherweise ein sehr starkes Bild malen - das, aber das ist in diesem Falle eher unwichtig - künstlerisch-technisch nicht so durchgearbeitet ist.

Wenn man jetzt, angesichts des soeben gesagten, die Tendenzen der Moderne betrachtet, ist da ganz klar zu erkennen, daß das "technisch-künstlerische Können" an Bedeutung verliert - zugunsten eines spontanen, freien und authentischen Ausdruck, einer "seelischer Tiefe" des Werkes.

Kunst und Religion haben im Laufe der Geschichte immer wieder unterschiedliche Verhältnisse zueinander gebildet. In Primitiven Kulturen gibt es keine Unterscheidung zwischen den beiden. Kunst und Religion sind eines. "Kunst" ist mehr als nur Selbstausdruck, es ist ein Mechanismus zur Aufrechterhaltung der "Anbindung" an den Grund, den Boden, die materielle Realität. Wer nicht "kreiert " (und das schließt alles Formen des menschlich-künstlerischen Ausdrucks mit ein, also Tanz, Musik, Malerei, Medizin), ist "tot".

In der sogenannten "Hochblüte der Kultur", der Renaissance, Barock etc., dient die Kunst der Religion. Die Werke Michelangelos und seiner Zeitgenossen sind vollendete Kunstwerke, doch in erster Linie sind sie Illustrationen kirchlicher oder politischer Inhalte. Die ursprüngliche Funktion der Kunst, nämlich den einzelnen Menschen "Lebendigkeit" fühlen zu lassen, ist verloren. Kunst wird in die Hände einiger weniger "Künstler" monopolisiert, und die breite Masse wird zu bewegungslosen ("toten") Betrachtern.

Wer aber nicht "tanzt/malt/trommelt", lebt mehr und mehr in einer nur noch "virtuellen" Welt. Er erfährt sich nicht mehr selbst, er kennt sich nicht mehr selbst. Seine Welt wird zu einer reinen Gedankenwelt, die fern ist von allem greifbaren, berührbaren ist, denn wir brauchen kreativen Ausdruck, um unsere Menschliche, primitiv-kreative Natur zu erinnern.

Kunst hält uns in der Realität. Sie zeigt uns, daß wir einen Körper und eine Seele haben, und daß dieses "ich", dieses "Wesen" Teil von etwas größerem, einer größeren Realität ist. Tanz, Musik und Malerei, all diese Betätigungen bezeugen unsere Kreativität und unsere Lebendigkeit. Sie machen uns unser Menschsein erfahrbar - wenn wir unser Menschsein vergessen, werden wir zu lebensverachtenden Bestien.

Vielleicht ist die Nähe von Kunst und Kunsttherapie in der heutigen Zeit ein Hinweis: auf eine Entwicklung, die weg von der "Monopolisierung der Kunst" im Mittelalter und hin zu einem Ideal des kreativen Ausdrucks für alle führt.

Den Künstlern - jenen wahren, die die Transzendenz und die Tranpersonalität beherrschen, kommt hierbei eine besondere Rolle zu. Vielleicht haben sie ihre elitäre Stellung nicht länger inne, denn immer mehr "normale Bürger" beginnen künstlerisch zu schaffen. Aber dennoch kommt ihnen eine besondere Funktion zu: die des "Vortänzers", des Zerimonienmeisters, die dessen, der das Ritual durchblickt. Sie leiten die Masse an, ihre Werke dienen der Inspiration: sie weisen den Weg.

Wo ist also die Trennlinie zwischen Kunst und Kunsttherapie? Vielleicht gibt es wirklich keine, sondern nur einen fließenden Übergang. Vielleicht sind wir alle - die Künstler und die Psychatriepatienten - mehr oder weniger "menschlich" - mit unserer Kreativität als inherenten Teil dieser Menschlichkeit?

(1) Jolanda Jacobi, "Vom Bilderreich der Seele", P. 38

Weiterführende Gedanken und Meinungen

12. August 2001, Reinhard K.:

... ist die Trennung zwischen Kunst und Kunsttherapie klar zu ziehen:. es ist das gezielte Steuern, mit (oder aus) dem ein Künstler sein Werk gestalten will... wie entsteht eine künstlerische Idee? Wohl so wie alle Ideen, Bilder und Gedanken. nur ist die Sensibilität des Künstlers erheblich stärker ausgeprägt als bei andern Menschen. er ist fähig, Bilder und Ideen, die in einem andern Menschen auch vorhanden sind, stärker wahrzunehmen und in Farbe, Klang, Sprachbildern... gestalterisch umzusetzen.

Daß dabei ein therapeutischer Effekt entstehen kann, sehe ich eher als Entlastung nach der Realisierung oder als Entspannung nach einem gedanklichen Reifungsprozess... Die Trennlinie zur Psychopathologie ist nach meiner Meinung die ständige volle Bewußtheit über alle Gedankengänge und ihre stets bewußte Steuerung in der Phase der Realisierung...

Zum Kirchenbau:

In den (der Rennaissance) vorhergehenden Epochen waren die Kirchen immer am Volk orientiert: Basilika: die große Halle für das gläubige Volk; Romanik: die Wehrkirche zum Schutz des gläubigen Volkes. Eine Gestaltung des Sakralraumes durch die Kunst war nicht eingeplant. Wenn in frühen Kirchen (Katakomben, Ravenna, romanische Kirchen) Wände ausgemalt wurden oder Sarkophagwände plastisch gestaltet wurden, so galt dies nur der religiösen Unterweisung des Volkes (Bibelzyklyklen an den Wänden, Auferstehungssymble an der Grabwand....)

In der Rennaissance (16. Jh) wird der Kirchenbau wird klar Auftragsbau. Wichtig ist jetzt die Repräsentation der Macht und den Reichtum des Stifters (Päpste, Fürstenhäuser, Bischöfe...) zur Schau zu stellen. Die Kirche wird nicht mehr von Steinmetzen aus dem Volk erbaut. Die teuersten und berühmtesten Architekten und Künstler sind jetzt gerade gut genug. Bereits bestehende Werke müssen überboten werden (Dom von Florenz - Dom in Rom; Dom in der Hauptstadt von Benin inmitten der Wüste wurde ca. 1985 größer gebaut als jener in Rom).

Dabei ergibt sich ein erstes religiöses Problem: je prachtvoller und reicher die Kirchenbauten werden, um so fremder werden sie dem Volk und um so stärker geht die religiöse Praxis und Glaubwürdigkeit zurück...

Alle Bilder und Texte sind urheberrechtlich geschützt.
Kontakt: l www.soika.com
Impressum l Imprint