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NUDE 4
Detail, Charcol/Paper, 2001 |
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Weibliche Solidarität oder:
Das Schwert in der Scheide
Emanzipation einmal anders betrachtet: erstaunlicherweise sind
es oft Frauen, die ihren Geschlechtsgenossinnen das Leben schwer
machen.
"Nach einiger Zeit dachte ich gar nicht
mehr, dass das so ein schlimmes Leben war, wirklich. Nach einiger
Zeit war ich so tief verletzt, dass ich überhaupt keinen
Unterschied mehr spürte. Was konnte mich glücklicher
machen, als zu sehen, wie jeder gierig die glänzenden
Pilze und die Bambussprossen hinunterschlang, die ich an jedem
Tag zuzubereiten geholfen hatte. Was konnte befriedigender
sein, als dass Huang Taitai nickte, und mir den Kopf tätschelte,
wenn ich damit fertig war, ihr Haar mit 100 Bürstenstrichen
zu kämmen? Wie könnte ich glücklicher sein,
als in dem Moment, in dem Tyan-Yu (mein Ehemann) eine ganze
Schüssel Nudeln leergegessen hatte, ohne sich ein einziges
Mal über deren Geschmack oder über mein Aussehen
zu beklagen..."
(Frei übersetzt aus "The
Joy Luck Club" by Amy Tan, S. 51)
Wer ist da der Feind? Der "schlimme Ehemann", oder
die "schlimme Schwiegermutter", die ihren Sohn eben
so erzogen hat?
Aus der östlichen Kampfeskunst stammt der Erkenntnissatz "der
Feind ist innen" - vielleicht ein interessanter Ausgangspunkt
für Analysen über die "Situation der Frauen".
Viele klagen heute über das stockende Vorwärtskommen
in der Gleichstellung. Die Meister des Orients sagen uns, erst
wenn wir den Feind in seiner wirklichen Position lokalisiert
haben, können wir mit einem erfolgreichen Kriegszug rechnen.
Solange wir ihn nur irgendwo vermuten, ist jeder Feldzug potentiell
ein Misserfolg.
Das gebetsmühlenartige Lamento der Emanzipationsbewegung
kreist um das Feindbild Mann, denn dieser "Feind" ist
anscheinend der offensichtlichste. Aber "offensichtlich" bedeutet
nicht automatisch "richtig". Tatsächlich ist das
alles nur eine Theorie, ein Versuch die gegenwärtige Situation
zu erklären.
Zugegebenermaßen gibt es Argumente dafür, dem Mann
die emanzipierte Frau ungelegen kommt, denn er will die Besitzstände
seines bequemen Lebens wahren. Dennoch habe ich in meinem Leben
noch nie einen Mann getroffen, der wirklich ernsthaft von mir
gefordert hätte, dass ich ihm das Abendessen koche, oder
seine Hemden bügle. Die einzige, die mir je einen solchen
Mann prophezeite, war meine Großmutter, die selbst Sohn
und Enkel zu haushaltstechnisch unfähigen Männern erzog.
Vor kurzem habe ich eine Reise gemacht, nach Indien, in das "Land
der geschundenen Frauen". Das Land, das voller weiblicher
Göttinnen ist, und das ihre lebendigen Frauen am höchsten
verehrt, wenn sie Sati begehen (d. h. ihrem verstorbenen Mann
auf den Scheiterhaufen folgen), wo in manchen Regionen auf 100
kleine Jungen nur 70 kleine Mädchen kommen, weil die anderen
entweder schon als Föten abgetrieben, oder aber als Babys
ermordet wurden... usw., usw. . Wovor fürchtet sich die
jungverheiratete Inderin am meisten - vor ihrem Ehemann, oder
vor dem Höllenleben, das ihr ihre Schwiegermutter bereiten
wird?
Der absurde Wahnsinn dabei ist, dass ebendiese Schwiegermutter
war vor 30 Jahren in derselben Lage gewesen ist. Auch sie hat
Leid erdulden müssen - warum hat sie nichts gelernt, und
läßt nun Milde walten?
Wir Frauen sind es selbst, die unseren Mitfrauen das Leben oft
so unmöglich machen. Das fängt damit an, dass frau
einem (männlichen) Arzt von vornherein mehr fachliche Kompetenz
zutraut, als einer Ärztin. Wir bevorzugen Zahnärzte,
Frauenärzte, Rechtsanwälte, Polit-Machos - mit allen
entsprechenden ökonomischen Folgen. Frauen werden niemals
auf demselben Erfolgstreppchen stehen, wenn wir, ihre Mit-Frauen,
bei jeder Gelegenheit einen Knüppel zwischen die Beine werfen.
Vielleicht sollten wir ganz einfach aufhören, zu lamentieren.
Und in uns gehen, und uns mit den Frauen aussöhnen. Mit
denen, die uns Leid zugefügt haben (Mütter, Stiefmütter,
fiese Lehrerinnen), und mit uns selbst.
Und dann hinausgehen, und unsere Geschlechtsgenossinnen unterstützen.
Für eine gerechtere Welt. Für eine Welt mit mehr Chancen
für uns alle!
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