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VENICE SERIES (ongoing)
30 x 30 cm (12" x 12"), Acrylic/Canvas, 2003 |
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Essay zur Kunst des 20. Jahrhunderts
Ich habe vor kurzem eine Rede von Werner Haftmann gelesen, dem
Kunsthistoriker und ehemaligen Direktor der Nationalgalerie in
Berlin, der zusammen mit Arnold Bode 1955 die "documenta" in
Kassel ins Leben rief.
Die Rede, auf die ich mich hier beziehe, war auch Eröffnungsrede
der ersten "documenta" und Haftmann erklärt darin
den Zusammenhang zwischen Moderner Malerei und dem gewandelten
Welt- und Selbstverständnis des Menschen im 20. Jahrhundert.
Denn im 20. Jahrhundert gewann die Menschheit Erkenntnisse,
die das gesamte, bis dahin gültige Weltbild völlig
veränderten: es gab die schlimmsten Kriege, es entstanden
politische Systeme, die dem Menschen größtmögliche
Freiheiten und zugleich existenziellste Lebensangst brachten,
das Bild von der Welt an sich wandelte sich vollkommen. Was die
Menschen bisher als ihre Grundfesten erkannt hatten - der Baum,
der Tisch, das Haus - wurde durch die neuen Erkenntnisse der
Naturwissenschaften relativiert, plötzlich bestanden die
vormals "festen" Dinge aus schwer greifbaren Kraftfeldern,
aus Atomen, Molekülen, Elektronen, denen die innewohnende
Energie die entsprechende Gestalt verlieh.
Also... vom festen "Ding" zur innewohnenden Energie
oder Dynamik...
Ein blühender Kirschbaum, der sich früher selbst völlig
genügte, wurde plötzlich zur Manifestation eines größeren
und allgemeineren Phänomens: dem des Wachsens (und eventuell
Vergehens), genetische Prozesse, etc. Zum Interesse der Menschen
an statischen Dingen, an dem was IST, gesellte sich das Interesse
an dynamischen Prozessen, an "energetischer Wahrheit".
Die repräsentative Malerei befasst sich mit dem Ist-Zustand
der Dinge und untersucht diesen. Aber für die Darstellung
der neuentdeckten dynamischen und energetischen Prozessen musste
eine neue Sprache gefunden werden, und man fand sie in der abstrakten
Malerei. Deswegen gibt es auch abstrakte Bilder, die gegenständliche
Titel tragen: der Künstler war nicht von der äußeren
Erscheinungsform ergriffen, und gab sich dieser hin, sondern
von der innewohnenden Dynamik, die er dann darstellte.
Dazu muss man verstehen, dass das moderne Denken eine Kombination aus
hellwacher, logischer Intelligenz auf der einen, und tiefer Intuition
auf der anderen Seite ist. Man denkt oft, dass die "Naturwissenschaftler" nur
logischen denken, dennoch wären die Quantensprünge der Erkenntnis,
die großen, wichtigen Entdeckungen, ohne Intuition niemals erfolgt.
Der abstrakt arbeitende Künstler kombiniert beiden Fähigkeiten,
und v. a. mit Hilfe seiner Intuition kann er sich hineindenken,
hineinfühlen in Dinge und Gegenstände, und ihre innere,
unsichtbare Struktur erfassen.
Haftmann sagt, dass die moderne Kunst auf der einen Seite unendlich
zerebral (was ihre Mittel betrifft), und auf er anderen Seite
unendlich meditativ (was ihre Inhalte betrifft) ist.
Moderne Malerei ist Ateliermalerei - sie entstehlt nicht in
der Natur, im Jubel der Erscheinungen, sondern im Atelier, in
der Zelle, im arbeitsamen Manipulieren mit ihren Mitteln aus
Meditation und Erinnerung.
Dabei ist die moderne Kunst nach vorne orientiert, es ist eine "Freiheit
nach vorne", ein Finden. Das Picasso Zitat "Ich suche
nicht, ich finde" drückt diesen wichtigen Kernpunkt
aus: würde der Künstler "suchen", hieße
das, dass schon etwas Vorgewusstes da ist, ein dunkel geahntes
Ziel. "Finden" hingegen heißt vollkommene Voraussetzungslosigkeit,
Offenheit für alles, der grundsätzlich experimentelle
Charakter des Schaffensprozesses.
Warum macht sich der Künstler auf zu diesem Abenteuer des
Findens, und warum verlangen die Menschen nach Kunst? In jedem
von uns, die wir so viel wissen, gibt es ungewusstes, nur vage
gespürtes. Und der Mensch sehnt sich danach, eben dieses
etwas zu berühren, sodass es bewusst/gewusst, und so zum
Teil unserer aktiven Lebenskraft wird.
Der Künstler macht sich auf nach diesem "Etwas",
wie ein Jäger, der in die Wildnis zieht. Und in seinen Werken
bringt er die Beute zurück, um sie der Gemeinschaft zur
Verfügung zu stellen.
Denn die Erkenntnis , die er gefunden hat, ist dem Betrachter
durch das Bild zugänglich. Darum soll der Besucher einer
Ausstellung ebenso offen an die Kunst herantreten, wie das der
Künstler in die Welt tut: nicht mit einer Haltung des Suchens,
die ihm immer nur wieder Bestätigungen für das bringen
wird, was er längst weiß, sondern mit einer Haltung
des Findens: Offen sein, fragende Neugier, liebevolle Erwartung.
Die moderne Kunst, sagt Haftmann, ist im wesentlichen "l'art
pour l'homme", Kunst für den einzelnen, und dient seiner
Begegnung mit dem Bewusstsein um seine eigene Einmaligkeit und
Unwiederbringlichkeit, die die Würde des Menschen ist.
Quellen:
Der Kunsthistoriker und frühere Direktor der Nationalgalerie in
Berlin (1967 - 1974) Prof. Dr. phil. Werner Haftmann (1912 - 1999) begründete
1955 zusammen mit Arnold Bode die "documenta" in Kassel.
Als einer der ersten erkannte er in der modernen
Malerei den Ausdruck eines gewaltig sich gewandelten Welt- und
Selbstverständnisses des Menschen im 20. Jh.
Werner Haftmann. Über das moderne Bild.
Eröffnungsrede zur Ausstellung "documenta" Kunst
des 20 Jahrhunderts, FAZ 30.07.1955
Weiterführende Links:
Abstrakte Malerei, Abstrakte Kunst,
Absolute Kunst - einen Artikel zur kunstgeschichtlichen
Entwicklung der Abstrakten Malerei
Verstecken (2006)
- ein Experiment: im Abstrakten, Unbekannten sind kleine, vertraute
Elemente versteckt, die für all jene, die nach Wohlbekanntem suchen,
im günstigsten Fall als Türöffner in die Welt
des Ungewussten funktionieren können.
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