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Baustelle Lenbach_Familie Lenbach
Baustelle Lenbach_Familie Lenbach
29,7 x 21 cm (11" x 8")
Collage/Paper, 2005
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Eine neue Lilith: über das Loslassen

Im Nachfolgenden beziehe ich mich auf einen Artikel von Hans-Joachim Maaz: "Die Nachtseite des Weiblichen - der Lilith-Komplex". (1)

Lilith (hebräisch: "Die Nächtliche") ist Adams erste Frau, seine von Gott geschaffene gleichwertige Partnerin. Der Überlieferung nach bevorzugt Adam jedoch eine andere Gespielin: Eva, die sich ihm unterwirft (wozu Lilith nicht bereit war) und mit der er fortan patriarchal, aber auch außerhalb des Paradieses lebt. Lilith steht heute als Symbol für Emanzipation und weibliche Autonomie, für Selbstbestimmung und lustvoll erlebte Sexualität - und für "die dunklen Seiten der Weiblichkeit".


Das Tabu

Maaz' These ist, dass letztere, Liliths dunklen Seite, ein heute tabuisierten Teil der weiblichen Psyche ist, der in allen Frauen weiterlebt. Er verortet das Tabu in einer (unausgesprochenen) Kinderfeindlichkeit und Ablehnung von Mutterschaft und identifiziert "die damit verbundene, dauerhaft nachwirkende, frühe Störung der Mutter-Kind-Beziehung als Grundlage unserer zunehmend neurotischen Gesellschaft." (2)

Warum aber sollte Lilith pauschal gegen Kinder und Mutterschaft sein? In der Lilith-Legende fordert sie Gleichberechtigung mit ihrem Partner Adam - nicht mehr und nicht weniger. Lediglich wenn diese Gleichberechtigung nicht mehr gegeben ist, hätte sie Grund, sich gegen das zu wenden, was sie als Instrument ihrer Unterdrückung ausmacht: Kinder und Mutterschaft.

Kinder und Mutterschaft sind per se keine Instrumente der Unterdrückung. Aber sie werden dazu, wenn der Frau die Wahlfreiheit abgesprochen wird. Von welchem Tabu sprechen wir also? Vielleicht ist es der berühmte blinde Fleck unserer eigenen Weltsicht: nach wie vor haben Frauen in den meisten Ländern kein freies Verfügungsrecht über ihren Körper - was auch das Recht zur Abtreibung miteinschließt. (3)

So ist es wohl eher die entrechtete, unterworfene Eva (4), die diese Wahl ohnehin nie hatte, die jetzt "mörderische Wut, abgrundtiefe[n] Hass, schneidende[n] Schmerz, sich erbrechende[n] Ekel und herzzerreißende Trauer" (5) verspürt: nämlich darüber, dass ihr das Recht über ihren eigenen Körper genommen wurde - und sie aus machtpolitischen Gründen über die Jahrhunderte zur Gebärmaschine degradiert wurde. (6)

Ja ohne Nein

...Ich habe also die Wahl, die Voll-Macht. Ich kann in Kontakt mit dem Kind gehen, mit mir selbst, und wahrnehmen, welche Entscheidung für mich innere Richtigkeit hat. Dann kann ich meiner Entscheidung Raum verschaffen: bewusst wachsen lassen oder bewusst töten. Wenn ich dazu den Mut nicht mehr habe, kann ich einem Kind, das ich gebäre, auch nicht mehr vermitteln, was eine wahre Mutter ist: nämlich eine, die einen sicheren Rahmen für Licht und Dunkel des Lebens gibt. Der sich das Kind für die hilfloseste Zeit seines Lebens vorübergehend anvertrauen kann, weil sie "Alles" umfasst. Die Kinder könnten dann etwas Grundlegendes von uns Frauen für ihr Leben lernen, nämlich Hingabe an alles, was ist. Von einer ohnmächtigen Mutter, einer Opfer-Mutter kann eine Kind diese grundlegende spirituelle Haltung nicht lernen, auch wenn sie selbst versucht, hingebungsvoll wie Maria zu sein. Maria ist zu süßlich, um dem Kind einen sicheren Rahmen zu geben. Der ist an einen fernen, oft als autoritär phantasierten Gottvater delegiert... (7)

Maaz beschreibt den Lilithkomplex als ein Defizit an Mütterlichkeit. Dem stimme ich zu - allerdings unter anderen Vorzeichen: Eine Mutter-wider-Willen wird nie das sein können, was wir uns unter dem Ideal des Archetypen "Mutter" vorstellen. Erst ihr klares, selbst bestimmtes "Ja" zum Kind macht sie dazu.

Doch zum klaren, bekennenden "Ja" ist die Möglichkeit des "Neins" unabdingbar. Maaz bezeichnet das - ganz im Einklang mit der vorherrschenden Kultur - als "kinderfeindlicher Aspekt". Aber dieses "Nein" zu Kind und Schwangerschaft ist nicht gegen das Kind an sich gerichtet: es ist einzig und allein die Ausübung des Rechtes auf Selbstbestimmtheit der Frau.

Ein weiterer Ausdruck des "Mangels an Mütterlichkeit" ist laut Maaz eine frühe Trennung von Mutter und Kind durch Kinderkrippen etc. Was meiner Ansicht nach schwerer wiegt als ein bunter Reigen an Bezugspersonen (ein polyamournesisches (8) Netz also) ist die Unfähigkeit der Mutter-wider-Willen, ihr Kind tatsächlich loszulassen: denn sie hat dem ungewollten Kind ihre eigenständige Identität geopfert und ist durch Schwangerschaft und Entbindung nur faktisch zur "Mutter" geworden, ohne diese Rolle je bewusst gewählt zu haben.

Wer aber ist sie ohne das Kind? In die alte Rolle einer erwachsenen, selbstverantwortlichen Frau kann sie nicht zurück, denn ihr Leben wurde gewaltsam in Bahnen gedrängt, die sie so - hätte sie sich entscheiden dürfen - nie gewählt hätte.

Diese Identitätskrise der Mutter-wider-Willen lässt sich nur durch eines bannen: unbeirrbares Festhalten an ihrem Kind als Lebens- und Seinszweck und indem sie es nach Möglichkeit auf ewig in Abhängigkeit hält. All die besitzergreifenden, übergriffigen, fordernden, aussaugenden Mütter sind Evas - nicht Liliths.

Ich glaube, das Loslassen ist ein inhärenter Aspekt von Mutterschaft. Lilith lässt ihr Kind in Liebe los, damit es (und auch sie selbst wieder) zu einer eigenständigen Person werden kann. Die ursprüngliche embryonale Verbundenheit von Mutter und Kind löst sich formal-materiell durch den Akt der Geburt, in den Monaten und Jahren danach folgen allmählich emotionale und psychische Eigenständigkeit.

Lilith ist nicht per se kinderfeindlich. Ihr Ja ist ein klares Ja zu Kind und Schwangerschaft. Und gerade weil sie sich trotzdem ihre eigenen Identität bewahrt hat, kann sie auch das worin wahre Mutterschaft letztendlich münden sollte: Loslassen.

Liebe ist loslassen. So-sein lassen. Weil man selbst so-sein darf.

(1) Der Artikel wurde im März 2001 in der Zeitschrift "Psychologie Heute" publiziert
http://www.psychologie-heute.de/p1archiv/recherche/f_av/fav_010344.htm.
2003 erschien das gleichnamige, in Fachkreisen sehr kontrovers diskutierte Buch des Autors:
Der Lilith Komplex

(2) Klappentext des o. g. Buches

(3) Weltweit ist ein Trend zur Liberalisierung der Abtreibungsgesetze festzustellen.
Die große Mehrzahl der Länder Europas und die USA haben zum Teil seit über 30 Jahren eine Fristenregelung. Kanada hat überhaupt kein Abtreibungsgesetz. Einige Beispiele:
Deutschland: Der Schwangerschaftsabbruch ist in Deutschland nach § 218 des Strafgesetzbuches im Allgemeinen rechtswidrig. Er ist jedoch nach § 218a StGB in einer Reihe von Ausnahmefällen zulässig.
Österreich: Seit 1975 ist in Österreich ein von einem Arzt nach vorhergehender Beratung vorgenommener Schwangerschaftsabbruch innerhalb der ersten drei Schwangerschaftsmonate straffrei.
Schweiz: Seit dem 1. Oktober 2002 ist der Schwangerschaftsabbruch bis zur 12. Schwangerschaftswoche landesweit entkriminalisiert.
Kanada: Das Verbot des Abbruchs wurde vom Verfassungsgericht im Jahr 1988 ersatzlos gestrichen. Kanada ist somit eines der sehr wenigen Länder, in denen es kein Gesetz zum Abbruch gibt und lediglich die Betroffenen (die Frau und der Arzt bzw. die Ärztin) das Vorgehen entscheiden.
USA: Am 22. Januar 1973 fällte der Oberste Gerichtshof der USA ein bahnbrechendes Urteil (genannt Roe v. Wade). Mit 7:2 Stimmen entschied er, das Grundrecht auf persönliche Freiheit und Schutz der Privatsphäre schließe das Recht der Frau ein, in den ersten 6 Monaten über den Abbruch einer Schwangerschaft frei zu entscheiden. Dieses Urteil bewirkte, dass Abtreibungen nicht länger in der Illegalität, sondern unter medizinisch guten Bedingungen durchgeführt wurden.
Am 5. November 2003 wurde der Partial-Birth Abortion Ban Act in Kraft gesetzt, das Abtreibungen in fortgeschrittener Schwangerschaft (2. und 3. Trimester) ohne Ausnahme verbietet und unter Strafe stellt.
Naturreligionen: Vielerorts, insbesondere bei matrilinear lebenden Völkern, gilt die Entscheidung über einen Schwangerschaftsabbruch als alleinige Angelegenheit der Frau oder ihrer Sippe und die Kindesväter haben kein Mitspracherecht. In einigen an Seelenwanderung glaubenden Naturvölkern wird ein Schwangerschaftsabbruch nicht als Tötung angesehen, sondern als Angebot an das Kind, zu einem besser geeigneten Zeitpunkt wiederzukehren. Die Ureinwohner Australiens und andere Nomadenvölker setz(t)en Abbruch gezielt zur Geburtenregelung ein.

Quellen
Allgemein:
http://www.svss-uspda.ch/de/facts/facts.htm

Rechtslage und Geschichte http://de.wikipedia.org/wiki/Schwangerschaftsabbruch
Rechtslage USA
http://www.svss-uspda.ch/de/facts/usa.htm
http://de.wikipedia.org/wiki/Partial-Birth_Abortion_Ban_Act

(4) Die Frage mag auftauchen, wieso Eva eigentlich unterdrückt sein soll - scheinbar fügen sich viele Frauen quasi "freiwillig" in ihre unterwürfige Stellung. Hier kann ich nur auf ein bereits früher verwendetes Zitat verweisen:

"Einer der wichtigsten Aspekte ... ist, dass die disziplinierende Macht, die die Weiblichkeit definiert, überall und nirgendwo ist. Autoritätsperson ist jeder und zugleich niemand bestimmtes. Foucaults Beziehung der Macht zum Körper ist, dass die äußerliche Ausprägung der Macht internalisiert und gelebt wird. Sie findet sich in keiner besonderen Institution und ist ungebunden. Und ebendiese "Abwesenheit formeller institutioneller Struktur" erweckt den Anschein, als ob sich die Erzeugung von Weiblichkeit natürlich und freiwillig einstelle. Tatsächlich kann diese Praxis beides zugleich sein: freiwillig und unfreiwillig. Dennoch "muss sie als Teilaspekt einer weit größeren Maßregelung verstanden werden, eines unterdrückenden und auf Ungleichheit basierenden Systems sexueller Unterwerfung". Obwohl es keine formellen Strafmaßnahmen oder Autoritätspersonen gibt, ist eine Frau, die sich weigert, den Regeln folgen, keine Frau mehr. Sie wird sich der schlimmsten Zurückweisung durch die männliche Gesellschaft überhaupt gegenübersehen, nämlich der Verweigerung männlichen Schutzes."

(siehe: http://www.soika.com/links/archiv/04d_lotus.htm;
aus: "Foucault, Femininity, and the Modernization of Patriarchal Power". Sandra Lee Bartky, in Feminism and Foucault. Irene Diamond & Lee Quinby eds.
http://web.hku.hk/~h0171482/hw1.htm
http://www.cddc.vt.edu/feminism/Bartky.html)

(5) aus: Der Lilith-Komplex, Hans-Joachim Maaz, in "Psychologie Heute", 2001, s. oben; Zu bemerken ist, dass Maaz diese Gefühle ausschließlich den Kindern der "schlechten Lilith-Mütter" zugesteht - und zwar wegen ihrer liebesunfähigen Mütter.

(6) "No woman can call herself free who does not own and control her body. No woman can call herself free until she can choose consciously whether she will or will not be a mother." (Margaret Sanger)

http://de.wikipedia.org/wiki/Margaret_Sanger

(7) Weise Wege, Planungsgruppe Klinik für ganzheitliche Frauenheilkunde e.V., P.31

(8) Polyamournesia [po:liamu:r'ne:sia]: Kunstwort, gebildet aus griech. polýs "viel", frz. amour "Liebe" und griech. mnasthai "sich erinnern"; Fähigkeit, sich an die vielen Quellen der Liebe zu erinnern bzw. diese zu empfangen
http://www.soika.com/links/archiv/06_poly.htm#deutsch


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