Was ist Kunst?
Kunst - was ist das überhaupt? Viele
verstehen unter dem Begriff Kunst vieles. Für manche kann
dieses Wort nicht hoch genug gehängt werden - andere verstehen
unter Kunst eine Art von... Masturbation (1). Soll ich mir als
Künstlerin für das, was ich mache, einen neuen Begriff
ausdenken? Oder den Begriff Kunst lieber neu definieren?
Historischer Überblick
Am Anfang stand die Auftragskunst, mit klaren Rechten und Pflichten
für Künstler und Auftraggeber. Heute arbeiten die meisten
Künstler ohne Auftrag - und verdienen damit auch kaum Geld.
Das scheint aber weniger zu stören, denn die meisten haben
Nebenjobs und fühlen sich ansonsten ziemlich glücklich
(2).
Eine Gretchenfrage dabei, an der sich die Geister scheiden,
lautet: "Malst Du hauptsächlich Bilder um sie zu verkaufen,
oder malst Du, weil Du kreativ bist und Dich frei entfalten willst?" (3)
Es gibt also zwei völlig gegensätzliche Ansätze
für das Kunstschaffen: auf der einen Seite steht eine Art
Leistungskunst (Bilder für Gegenleistung), auf der anderen
eine Art unbeauftragte Privatkunst, die nur dem inneren Drang
des Künstler verpflichtet ist.
Zeitgenössische Kunst - zeitgenössisches Paradigma
Als Künstler ist man heute Unternehmer. Kunst gilt als
Brotberuf. Nach der Ausbildung kommen Professionalisierung (4)
und Eigenwerbung durch Ausstellungen, Messen und Auktionen. Neben
Durchhaltevermögen ist vor allem aber eines gefordert: ein
Gespür für den Markt. Denn wie überall entscheidet
die Aufmerksamkeit der Kundschaft über den Erfolg.
Eventuell verlagert sich der Fokus des Künstlers deswegen
allmählich von der inneren Befindlichkeit hin zur äußeren
Wetterlage und irgendwann erfordern es die Sachzwänge, dass
man den Rezipienten entgegenarbeitet: nur was den Geschmack der
Jury bzw. des Publikums trifft, wird gefördert und gekauft.
Aber so war es doch eigentlich schon immer: Ist das
nicht einfach so eine Art Gebrüder Cranach, Rubens et
al. reloaded?
Neu ist, dass viele Künstler heute - anders als früher
und v. a. anders als reguläre Unternehmer - schon beinahe
therapeutische Anliegen leiten: die Hoffnung, entdeckt zu werden,
der Wunsch, berühmt zu sein gehen meist weit über den
unternehmerischen Erfolg hinaus. Markterfolg wird gleichgesetzt
mit Erfolg an sich. Anders als andere unternehmerische Tätigkeiten
verquicken sich beim Künstlertum Ware und Selbstwert auf
eigentümliche Weise: der Markterfolg wird immer auch als
persönlicher Erfolg gewertet und soll die tiefe Sehnsucht
nach Geliebt-Sein zu stillen. Scheitern bedeutet die über
jede Unternehmenspleite hinaus: persönliche Niederlage.
(5)
Es geht bei der Kunst also tatsächlich sowohl um Geld als
auch um Liebe - und zwar in wechselndem Mischverhältnis.
Allerdings oft überhaupt nicht inhaltlich. Diesen Zusammenhang
meinte ich, als ich weiter oben von Leistungskunst sprach.
Dem Publikum auf diese Weise jedenfalls eine zweifache Schlüsselrolle
zu: zum einen, althergebracht, als Kundschaft, die über
unternehmerischen Erfolg entscheidet. Zum anderen aber auch als
das anerkennende, applaudierende, vor allem aber bedingungslos
liebende Gegenüber.
Ansonsten ist Kunst nach wie vor eine Ware. Es gibt heute sehr
betriebswirtschaftslastige Berechnungsformeln für den Preis
einer Arbeit (6); es gibt rechtliche Rahmenbedingungen (7) und
eine umfangreiche Vermarktungskette, an der viele mitverdienen
(8) und die so ähnlich funktioniert wie für alle anderen
Luxusgüter auch: Kunst ist individuell und zeitgemäß,
sie dient der Selbstinszenierung und Profilierung von Einzelpersonen,
Unternehmen, Städten, Ländern...
Das ist gut so - solange dafür bezahlt wird. Die Achillesferse
des Konstruktes ist die Therapiefunktion, die Kunst für
so manchen Künstler hat: er will geliebt werden, und dieses
Versprechen von Aufmerksamkeit ist die Mohrrübe, mit der
der Karren der "Kultur" für die Nutznießer
kostenfrei durch die Lande gezogen wird.
Paradigmenwechsel
Was aber bleibt nun wirklich von der Abkehr der Künstler
von ihren Auftraggebern? Wie sieht Kunst aus, wenn man das Interesse
an "Geld" und "Liebe" beiseite lässt,
wenn man die Kunst zurückholt in die Privatwelt, ins Atelier,
und sie niemandem zeigt, verkauft, erklärt?
Zeitgenössische Bauchpinseleien bescheinigen: "Künstler
sind die Avantgardisten unserer Gesellschaft." (9)
De facto ist Kunst eine einsame, intensive, fast schon narzisstische
Beschäftigung mit der eigenen Befindlichkeit. Für mich
ist Malen innerer Dialog, ein Selbstgespräch, an dessen
Ende ich klüger bin. Ich mag meine Nische der Unentdecktheit,
weil sie mir Freiheit bedeutet - Freiheit von den Sachzwängen
kommerziellen Erfolges, einer Kreativität auf Knopfdruck
- und jedes Bild für sich ist ein neues Zeugnis meiner Wahrheit
und Weltsicht. Denn Kunst hat mit Wahrhaftigkeit zu tun, bedeutet,
etwas verstanden zu haben und es mutig und klar auszudrücken,
ohne sich dabei zur Legitimation auf die Anderen bzw. auf Institutionen
zu stützen.
Ich habe mir am Wochenende den Film "How to cook your Life" angesehen
(10). Der Protagonist, ein Zen-Mönch und Chefkoch eines
US Klosters, fand es 20 Jahre lang ziemlich befremdlich, jeden
Morgen dem Buddha (der Statue) Essen darzubringen. Nach 20 Jahren
verstand er schließlich, was es bedeutete: Der Buddha sagt
nichts. Niemals. Weder "Danke!" noch "Hey, das
schmeckt aber gut!". Einfach nichts.
Die Kunstpraxis ähnelt für mich dem Zen. Deprivation
von Lob und Geld (bzw. die selbstgewählte Abstinenz vom
Kunstgeschehen) sind wie ein Test: was ist wirklich wichtig?
Was ist mir wichtig? Der Focus geht dabei weg vom Publikumsgeschmack, hin zur eigenen,
persönlichen Aussage. Allerdings bedeutet auf diese Weise
zu arbeiten auch, dass man unweigerlich zum eigenen Hauptsponsor
wird.
Kunst bewirkt Individualisierung. Das mag gesamtgesellschaftlich
zunächst unsinnig erscheinen und vielleicht kommt daher
auch die Ansicht, dass es sich um eine Art von Masturbation handelt.
Tatsächlich aber ist erst ein vollständig individualisierter
Mensch fähig zum Miteinander und zu Gemeinschaft, deren
Zusammenhalt nicht einzig auf gegenseitiger Bedürfnisbefriedigung
beruht.
Geld und Liebe - darauf lassen sich die Bedürfnisse
vieler Menschen herunterbrechen. Solange wir diese Bedürfnisse
nicht neutralisiert haben, sind wir verwundbar. Momentan wird
in den USA ein Experiment durchgeführt, das zeigt, in welchem
Maße die Aussicht auf Geld, Menschen dazu bringt, ihr Verhalten
zu ändern (11).
Wollen wir so leben, so - manipulierbar?
Hommage an...
Ich glaube, Kunst kann nur dann Kunst sein, wenn ich sie um
ihrer selbst - und um meiner selbst willen - mache:
ohne kommerzielle Absicht und auch ohne den Wunsch nach öffentlicher
Anerkennung. Vom eigenen künstlerischen Schaffen nicht leben
zu können ist normal und das galt auch für die meisten
großen Wegbereiter der Moderne.
Kunst ist kein Brotberuf, sondern eine Hommage an unser Menschsein.
(1) Ich wurde kürzlich gefragt, ob es
für mich neben
der Bestätigung in der Praxis eine innere Bedeutung der
Beschäftigung mit Kunst gibt. Meine Antwort: "Art is
my Religion. Oder, wie das einer meiner Sammler einmal formulierte: "Kunst
ist Masturbation." Tatsächlich
ist es eine intensive, fast schon narzisstische Beschäftigung
mit der eigenen Befindlichkeit, die in letzter Instanz hoffentlich
zur vollständigen Entwicklung des Individuums führt."
Die Tatsache, das wahres Kunstschaffen ebenso wenig wie Masturbation
bis auf weiteres ohne klare Bedeutung für die Gesellschaft
ist, hat in der Vergangenheit bereits dazu geführt, beide
Tätigkeiten als "entartet" zu bezeichnen.
(2) ""Wovon lebst du eigentlich?"
Jörn
Morisse und Rasmus Engler
Wovon
lebst du eigentlich?
(4) Einige interessante Links zum Thema:
GründerZeiten Nr. 51: Existenzgründungstipps für
Künstler und Publizisten
http://www.bmwi.de/...render=renderPrint.html
Vertragswerk für Bildende Künstler
http://kunst.verdi.de/honorar-_und_tarifkommission
Berechnung von Ausstellungshonoraren
http://kunst.verdi.de/ausstellungshonorar/berechnung
Ratgeber Freie
http://www.ratgeber-freie.de/index.php3
ProKunsT4 - Berufspraktisches Handbuch für Bildende Künstlerinnen
und Künstler
http://www.bbk-bundesverband.de/Texte/1seite.htm
Selbstmanagement im Kunstbetrieb. Handbuch für Kunstschaffende
von Kathrein Weinhold (Taschenbuch - Oktober 2003)
Selbstmanagement
für Kunstschaffende
(5) Ich lese gerade "Schrödingers
Katze. Das Universum nebenan" von Robert A. Wilson und Pociao
de Hollanda. Zum Thema
Erfolg und Niederlage finde ich folgende Passage sehr erhellend
Schrödingers
Katze. Das Universum nebenan :
"Die meisten Primaten auf Terra verstanden nichts von den komplizierten
Zusammenhängen der Kausalität. Sie bildeten sich ein,
alles sei auf eine einzige Ursache zurückzuführen.
Dieser simple philosophische Irrtum war auf dem Planeten so weit
verbreitet, dass Primaten sich angewöhnt hatten, sich und
den anderen Primaten mehr Ruhm als verdient zuzuschustern, solange
alles gutging. Das machte sie übermäßig
eingebildet.
Sie gaben sich und den anderen aber auch mehr Schuld, als sie
verdienten, wenn die Dinge schlecht standen. Und das wiederum
verursachte ihnen kolossale Schuldkomplexe.
So ist das normalerweise immer auf primitiven Planeten,
die die Quantenkausalität nicht begriffen haben."
(6) Preisberechnung für Kunstwerke: siehe z. B. Wirtschaftspolitik
für Kunst und Kultur, S. 23
http://www.gruenderstadt.de/pdf/broschueren/kunst.pdf
oder auch: TaxSim - das Kunstverkaufspreissimulationsprogramm
http://www.atelier-verlag.de/cms/front_content.php?client=1&lang=1&idcat=106
(7) Urheberrecht - Infos zum "2. Korb":
http://www.urheber.info
Urheberrecht in der digitalen Welt:
http://www.irights.info
(8) Je dünner die Luft wird, umso mehr möchte man
jedoch fast glauben, dass es sich um einen Fall von Entführung
handelt: Ganz oben in der Pyramide gibt es nur noch wenige, aber
extrem einflussreiche Händler, denen es anscheinend nur
noch darum geht, möglichst viel Geld und noch mehr Wertsteigerung
zu machen.
So habe ich's mir jedenfalls erzählen lassen.
Oder gelesen: Der Ausstellungsbetrieb: Künstlerhandbuch
von Olaf Zimmermann
Der
Ausstellungsbetrieb
(9) Dr. Arend Oetker, Mitglied im Kulturkreis
der deutschen Wirtschaft im BDI e.V.
http://www.kulturkreis.org
(10) "How to cook your Life", 2006, Doris Dörrie
http://www.amazon.de/Cook-your-Life-Sides-Music/dp/B000W34TD4
How
to cook your Life
(11) DER SPIEGEL (1/2008): "Geld als Therapie
- Wie lassen sich gute Vorsätze wie Abnehmen oder der Verzicht
aufs Rauchen verwirklichen?"
http://service.spiegel.de/digas/servlet/find/DID=55231884
|