SixtyFour Kōans
09_36 (Die die Verfinsterung des Lichts)
125 x 125 cm (50" x 50")
Acrylic/Canvas, 2009
Eine intentionale Annäherung an das I Ging: das Bild ist immer nur das Tor zur Idee, und hat man sie erfasst, vergisst man das Bild.
Man kann auf zweierlei Art Einsicht in die Dinge gewinnen: durch umfangreiche Lektüre und anschließende Reflektion; oder aber durch Kontemplation.
Das I Ging (i), das "Buch der Wandlungen", ist der älteste der klassischen Texte Chinas und beschreibt die Welt in 64 Bildern. Der schamanistische Orakel-Tradition entstammend wird es auch heute noch als Weisheits- und Weissagungsbuch benutzt.
Die Weltsicht, die dem I Ging zu Grunde liegt, wurzelt im Taoismus (ii) (Daoismus). Grundidee ist die uranfängliche Einheit aus der die Schöpfung hervorgeht: sie gebiert die Zweiheit (Yin und Yang, Licht und Schatten) und durch deren Wandlungen, Bewegungen und Wechselspiele entsteht unsere Lebenswelt. Die ethische Lehre des Taoismus rät dem Menschen, dieses Weltprinzip durch eigene Beobachtung kennenlernen und das Tao zu verwirklichen, indem er sich harmonisch an die sich kontinuierlich verändernden, phänomenalen Erscheinungsformen anpaßt.
Dieses Konzept vom fließenden, sich permanent wandelnden Charakter unserer Umwelt findet sich als "panta rhei" (iii) auch in der europäischen Philosophie: alles ist in ständigem Wandel begriffen, alles fließt und über die sich unablässig verändernde Wahrnehmungswelt können keine allgemeingültigen Aussagen getroffen werden (Heraklit (iv), Platon (v)).
Vor eben diesem Hintergrund entwickelt Platon seine Ideenlehre (vi): real existierende, unveränderliche, aber sinnlich nicht wahrnehmbare, urbildhafte Prinzipien, über denen das "Gute" (agathón) (vii) als die höchste Instanz steht. Im I Ging ist das Konzept urbildhafter Ideen in 64 unveränderlichen Bildern konkretisiert, die selbst wiederum in der Einheit, dem Tao, beheimatet sind.
Platon zeigt sehr deutlich, in welchem Verhältnis Ideenwelt und Sinnenwelt zueinander stehen:
"In schroffem, unausgeglichenem Gegensatz stehen sich gegenüber das "reine", schlechthin unwandelbare Sein der Idee, und das fortwährend wechselnde, "auf alle Weise sich verhaltende" Pseudo-Sein der Erscheinung: jenes das "Sein, welches immer ist", dieses "umhergetrieben vom Werden und Vergehen". (viii)
Wang Bi (ix), ein chinesischer Philosoph, schreibt später über das Verhältnis von Ideen und ihrer Konkretisierung in den 64 Bildern des I Ging:
"Die Bilder gehen aus den Ideen hervor. Die Worte machen die Bilder klar. Um die Ideen vollständig auszudrücken, gibt es nichts Besseres als die Worte. Die Worte sind aufgrund der Bilder entstanden. Daher kann man die Bilder schauen, indem man die Worte untersucht. Die Bilder werden von den Ideen beherrscht. Daher kann man die Ideen schauen, indem man die Bilder untersucht. Die Ideen werden durch die Bilder vollständig erfasst und die Bilder durch die Worte klar gemacht. Daher haben die Worte den Zweck, die Bilder zu erklären; hat man die Bilder erfasst, so vergisst man die Worte. Die Bilder haben den Zweck, die Ideen zu erkunden; hat man die Ideen erfasst, so vergisst man die Bilder. Ebenso hat das Verfolgen der Spur eines Hasen den Zweck, seiner habhaft zu werden. Hat man ihn gefasst, so vergisst man die Spur. Die Fischreuse hat den Zweck, der Fische habhaft zu werden. Hat man sie gefasst, so vergisst man die Reuse. Nun denn, so sind die Worte die Spur zu den Bildern. Die Bilder sind die Reuse für die Ideen. Wer daher bei den Worten stehen bleibt, wird nicht die Bilder erfassen, und wer bei den Bildern stehen bleibt, wird nicht die Ideen erfassen." (x)
Die im I Ging, dem Buch der Wandlungen, durch Worte gezeichneten Bilder sind also nur Hilfsmittel, um der abstrakten, unveränderlichen Ideen habhaft zu werden. Es ist eine intellektuell geprägte Herangehensweise, eine, die Lektüre und anschließende Reflexion erfordert.
Ich persönlich finde die Worte des I Ging zu den Orakelzeichen - auch in der 2007 erschienenen sehr guten Neuübersetzung durch Georg Zimmermann (xi) - sehr schwer verständlich. Ich führe es darauf zurück, dass die Originaltexte (und Übersetzung ist und bleibt Übertragung des Originals und nicht dessen Neuinterpretation) aus einem Kontext stammen, der sowohl räumlich und zeitlich, als auch in Bezug auf die Lebenswirklichkeit des einzelnen, sehr weit von unserem entfernt ist.
In der Folge habe ich beschlossen, mich den 64 unveränderlichen Grundideen des I Ging auf zweierlei Weise zu nähern. Die erste ist, wie das Buch der Wandlungen selbst, noetisch: In meinem Projektraum "no2DO" (xii) zeige ich zu den einzelnen Bildern konkrete Lebenssituationen auf, in denen sich die urbildhafte Idee jeweils ausdrückt, und beschreibe diese; anschließend benenne ich häufige, nur allzu menschliche Reaktionsmuster und stelle schließlich Möglichkeiten vor, wie man im Sinne der Taoistischen Lehre damit umgehen könnte: statt gegen Veränderungen anzukämpfen, gilt es, sich an ihnen zu orientieren und sie für den eigenen Lebensweg zu nutzen.
In der Serie "SixtyFour Kōans" beschreite ich einen anderen Weg. Wie in einer Blindstudie habe ich die Bildtitel verdeckt zugewiesen und male Bilder, ohne zu wissen, um welches der 64 Zeichen es sich jeweils konkret handelt. An die Stelle umfangreicher Lektüre und intensiver Reflexion (wie bei "no2DO") tritt bei "SixtyFour Kōans" ein intentionaler Erkenntnisprozess.
Die Herangehensweise der verdeckten Zuweisung von Bildtiteln mag auf den ersten Blick beliebig erscheinen, und das ist sie sicherlich, solange man das konventionelle, von den Newtonschen Gesetzen geprägtes Weltbild (xiii) zugrunde legt. Sobald man das Paradigma erweitert und die "Ungereimtheiten" der Quantenmechanik (xiv) einfügt, entsteht ein Umfeld, in dem der menschliche Geist (xv) die physische Welt sehr wohl durch seine Absicht beeinflussen kann. Denn ganz offenbar gibt es neben den konventionell-physischen Zusammenhängen noch eine andere Art von Bewußtsein, die jenseits von Kausalität und einer linearen Zeitachse existiert und wirkt (xvi).
Das Resultat sind Bilder und Titel, die wie Kōans (xvii) funktionieren: Eine scheinbar paradoxe Kombination, deren Ziel nicht Auslegung oder Erläuterung ist, sondern die dem Betrachter hilft, das begriffliche Verstehen zu transzendieren und so der Sprung auf eine andere Ebene des Begreifens ermöglicht.
Oder, um es mit Platon zu sagen:
"Die Erkenntnis des Seienden [der Ideen] ist im Letzten nicht sprachlich, sondern ereignet sich dort, wo es jemandem gelingt, die Natur des einzelnen Seienden in dem, was es ist, mit der Seele zu berühren." (xviii)
Bei "SixtyFour Kōans" ist es also der Betrachter selbst, der durch seine eigene, intuitive Annäherung an Bild und Titel Einsicht in die Idee hinter dem Zeichen gewinnt.
Das Bild ist immer nur das Tor zur Idee, und hat man sie erfasst, vergisst man das Bild.
Anmerkungen
(i) Man nimmt an, dass die Prinzipien des I Ging auf einen der ersten legendären Herrscher,
Fu Xi (ca. 2852 v. Chr. - 2738 v. Chr.), zurückgehen; dieser soll die Trigramme entdeckt haben.
In einem Verfeinerungsprozess während der Han-Dynastie (ca. 200 v. Chr.) sei das I Ging entstanden.
siehe auch: http://de.wikipedia.org/wiki/I_Ging
(ii) Der Taoismus (chin. "Lehre des Weges", auch "Daoismus") ist eine Philosophie, wird aber auch als
Chinas einzige und authentische Religion gesehen. Seine historisch gesicherten Ursprünge liegen im
4. Jahrhundert v. Chr., als das Daodejing (Tao te king, Tao te ching) des Laozi (Laotse, Lao-tzu) entstand.
siehe auch: http://de.wikipedia.org/wiki/Daoismus
(iii) Die Formel panta rhei ("Alles fließt.") ist ein auf den griechischen Philosophen Heraklit zurückgeführter,
jedoch erst später geschaffener Aphorismus.
siehe auch: http://de.wikipedia.org/wiki/Panta_rhei
(iv) Heraklit von Ephesos. 540/535 v. Chr. - 483/475 v. Chr.;
siehe auch: http://de.wikipedia.org/wiki/Heraklit
(v) Platon, 428/427 v. Chr. - 348/347 v. Chr.;
s. auch: http://de.wikipedia.org/wiki/Platon
(vi) siehe: http://de.wikipedia.org/wiki/Ideenlehre
(vii) siehe: http://de.wikipedia.org/wiki/Ideenlehre
(viii) Natorp, Platos Ideenlehre, S. 18;
siehe: http://de.wikipedia.org/wiki/Ideenlehre
(ix) Wang Bi (Fu Si), 226 - 249 v. Chr.
siehe auch: http://de.wikipedia.org/wiki/Wang_Bi
(x) Georg Zimmermann, I Ging, S. 64 und Anmerkung Nr. 14
(xi) Georg Zimmermann, I Ging - Das Buch der Wandlungen
(xii) siehe: http://www.no2do.com
(xiii) "Unser Paradigma bestimmt, was wir sehen können, wie wir denken und was wir tun.
Wir stellen seine Genauigkeit nicht in Frage, da uns in der Regel nicht bewusst ist,
dass es überhaupt existiert.... Wir sind nicht zu einer ausreichenden Distanz fähig,
um erkennen zu können, inwieweit unsere Wahrnehmung beeinflusst wird. ... sie werden
uns erst bewusst, wenn wir auf Paradigmen treffen, die sich von den unsrigen unterscheiden."
Über das moderne Paradigma: "Beginnend im 17. Jahrhundert und bis heute andauernd. Zeitalter
der Analyse, des Individualismus und des Mechanismus, der Physik. Bedeutung und Sinn werden
vom menschlichen Geist auf die Natur projiziert. Mechanistische Kausalität ist der einzige
Weg, mit der Dinge sich verändern oder bewegen können. Die leitende Metapher ist die Maschine. Zeit ist linear."
"Erfahrungen wie Nahtod-Erlebnisse oder Außer-Körper-Erfahrungen, Telepathie, Hellsehen
oder "Remote Viewing"... sind nur einige der Anomalien, die vorherrschende Erklärungen
über die Gesetzmäßigkeiten der Welt herausforden. Allerdings stellen wir auch eine bemerkenswerte
Annäherung der Entdeckungen an den Grenzen der Wissenschaft fest, die die uralten Weisheiten der
bestehenden spirituellen Traditionen zu stützen scheinen. Wir lernen zum Beispiel von der
Quantenphysik, wie bestimmte Aspekte der Realität unser gewöhnliches Verständnis von Zeit
und Raum überschreiten und erfahren von der Neurowissenschaft sowie Untersuchungen des
Bewusstseins bemerkenswerte Verbindungen zwischen Körper und Geist. Phänomene wie
"quantische, nicht-örtliche Verbundenheit" und wie die Kraft des Geistes und der Emotionen
den Körper beeinflussen (und andere Teile der physischen Welt) passen nicht in eine gängige
Auffassung, wie die Welt funktioniert. Ganz allmählich werden die rein mechanisch-physikalischen
Sichtweisen von den wirklich unglaublichen Erkenntnissen der Quantenphysik, der System- und
Komplexitätstheorie, der Psychoneuroimmunologie und anderen Körper-Geist-Untersuchungen der
Bewusstseinsforschung ersetzt."
Institute of Noetic Sciences (Hg.), Bleep StudyGuide, S. 16, S. 22, S. 24
siehe auch: http://de.wikipedia.org/wiki/Paradigma
http://de.wikipedia.org/wiki/Newtonsche_Gesetze
http://de.wikipedia.org/wiki/Quantenphysik
http://de.wikipedia.org/wiki/Quantenmechanik
http://de.wikipedia.org/wiki/Psychoneuroimmunologie
(xiv) Die Quantenmechanik ist "die seit 70 Jahren am häufigsten verwendete
wissenschaftliche Methode, um physikalische Realität zu beschreiben. Bisher
trafen alle ihre experimentellen Voraussagen mit einem erstaunlichen Maß an Genauigkeit zu."
"Das Bild einer von Relativitätstheorie und der Quantenmechanik gezeichneten
Realität ist so weit vom gesunden Menschenverstand entfernt, dass sie Probleme
bei der Interpretation mit sich bringt. Die Mathematik dieser Theorien ist präzise
und die Voraussagen funktionieren hervorragend. Aber die Mathematik dann auch in
menschliche Begriffe zu übersetzen - besonders bezüglich der Quantenmechanik - bleibt
außerordentlich schwierig."
"Die miteinander konkurrierenden Interpretationen in der Quantenmechanik
[z. B.: Kopenhagener Interpretation / Ganzheitsprinzip / viele Welten /
Quantenlogik / Neorealismus / Erschaffen der Realität durch Bewusstsein...]
unterscheiden sich im Prinzip hauptsächlich darin, welche Annahmen des gesunden
Menschenverstandes dafür möglichst geopfert werden sollen."
Institute of Noetic Sciences (Hg.), Bleep StudyGuide, S. 39, S. 44, S. 45
siehe auch: http://de.wikipedia.org/wiki/Quantenmechanik
(xv) Geist umfasst mehr als unseren Intellekt, der ausschließlich unsere Fähigkeit bezeichnet,
unter Einsatz von Denken Erkenntnisse und Einsichten zu erlangen.
siehe auch: http://de.wikipedia.org/wiki/Geist
(xvi) Der Einfluss von Intentionen auf physikalische Systeme muss nicht gezwungenermaßen
dem uns gewohnten Zeitkontinuum gehorchen, sondern kann sehr wohl außerhalb, also jenseits
der linearen Zeitachse erfolgen.
Der Psychologe William Baud hat zahlreiche Experimente durchgeführt, die den
Schluss nahe legen, dass Absichten auch "zeitlich rückwärts" gerichtet die
Vergangenheit beeinflussen können.
siehe: http://integral-inquiry.com/docs/649/transcending.pdf
Auch das Princeton's Engineering Anomlies Research Laboratory (PEAR) hat Anomalien
festgestellt, die durch Absichten beeinflusst wurden, die lange vor oder lange nach
dem Experiment selbst ausgedrückt wurden: "These anomalies can be demonstrated with the
operators ... exerting their efforts many hours before or after the actual operation of the devices."
siehe auch: http://www.princeton.edu/~pear/human_machine.html
(xvii) Ein Kōan (jap., oder Gong'àn in China) ist ein Meditationsobjekt, oft in der Form einer
kurzen Anekdote oder Sentenz, das sich jeder Lösung mit den Mitteln des Verstandes entzieht
und v. a. im Zen-Buddhismus Verwendung findet. Das bekannteste Kōan, das inzwischen auch
im Westen Allgemeingut geworden ist, ist die Frage nach dem Geräusch einer einzelnen
klatschenden Hand (Hakuins Sekishu, von Meister Hakuin Ekaku).
siehe auch: http://de.wikipedia.org/wiki/Koan
(xviii) Gadamer, Wahrheit und Methode, S. 119;
siehe: http://de.wikipedia.org/wiki/Ideenlehre
