Biopiraterie - oder wie aus Gemeingut Privateigentum wird



Das Reis-Monopol
Mehr als ein Dutzend Patente wurden weltweit bereits angemeldet, die alle mehr oder weniger das Eigentum am gesamten Genom der Reispflanzen beanspruchen. Mehrere Tausende von Gensequenzen werden als Erfindung beansprucht.
Mehr Infos:
http://www.no-patents-on-seeds.org...
http://www.greenpeace.de...
"Biopiraterie ist ein politischer Begriff, mit dem die Privatisierungs- und Aneignungsprozesse von Leben in Form von Pflanzen oder Tieren und Teile dieses Lebens oder Genen sowie das Wissen um die Nutzung dieser Lebensformen mittels des Rechts auf "geistiges Eigentum" - wie z. B. Patente - kritisiert wird."
(aus: Wikipedia)
Neue Patentgesetze berücksichtigen kaum die Kenntnisse der indigenen Bevölkerung, die damit den Ansprüchen von außen schutzlos ausgesetzt ist. Diese Gesetze ignorieren die kulturelle Vielfalt bei der Entwicklung von Innovationen und die Teilhabe daran. Ebenso wenig berücksichtigen sie die vielfältigen Ansichten darüber, was Gegenstand von Eigentumsansprüchen sein kann und darf: von Pflanzensorten bis zum menschlichen Leben. Das Ergebnis ist ein stillschweigender Diebstahl von über Jahrhunderte erworbenem Wissen, der von den entwickelten Ländern an den Entwicklungsländern begangen wird.
(Entwicklungsprogramm der Vereinten Nationen, UNDP, 1999)
Biopiraterie - oder wie aus Gemeingut Privateigentum wird: Der Brokkoli-Fall

Biopiraterie - oder wie aus Gemeingut Privateigentum wird: Der Brokkoli-Fall
in der Ausstellung "meins?deins?unsers?" im Kunstpavillon München, 14. - 25. April 2010
Konzept und Recherche: Karin Ulrike Soika; Umsetzung: Evelyn Hensgen, Eva Maria Hack, Carl Nissen und Karin Ulrike Soika

Im Buch Projekte der Hoffnung las ich kürzlich zum ersten Mal von Biopiraterie. Im Interview mit Vandana Shiva geht es um den Fall des Niembaumes, der seit Jahrhunderten von der lokalen, südindischen Bevölkerung genutzt wird, bis plötzlich über 90 Patente auf seine Wirkung erteilt werden. Erst nach einem über 10 Jahre andauernden Kampf werden diese Patente aufgehoben (http://de.wikipedia.org/wiki/Biopiraterie#Niembaum).

Rasante Entwicklung bei den Patentanmeldungen

Als ich das Thema genauer recherchiere, finde ich heraus, dass die ganze Patentgeschichte eine ziemlich neue Entwicklung ist. Bis in die 1960iger Jahren konnten in Deutschland z. B. noch nicht einmal Medikamente patentiert werden - angesichts globaler Seuchen und Armut ein sehr humaner Zustand. Ab Mitte der 1990er Jahre wurde das Patentrecht dann allerdings globalisiert und durch den Vertrag der Welthandelsorganisation WTO ("Übereinkommen über handelsbezogene Aspekte von Rechten an geistigem Eigentum" bzw. "Trade Related Aspects of Intellectual Property Rights", TRIPS; sehr interessant die Kritik im Wikipedia-Artikel: http://tinyurl.com/yzkx4rv) müssen nun nahezu alle Staaten der Welt Patentschutz für Erfindungen auf allen Gebieten der Technik gewähren - wobei das Verständnis des Begriffes "Technik" immer weiter ausgedehnt wird: waren es früher Produkte und Verfahren, umfasst es heute Arzneimittel, einzelne Gene und inzwischen wird auch schon versucht, konventionelle Methoden zur Züchtung von Pflanzen und Tieren zu patentieren.

Patente auf Mais, Weizen, Sonnenblumen

Es gibt unzählige Fälle von Biopiraterie und es werden jeden Tag mehr. Hier verweisen die Piratenschiffe auf Patente auf Mais, Weizen, Sonnenblumen, die wie einst Kolumbus' Pinta, Niña und Santa Maria die Welt in (Privat-)Besitz nehmen wollen... Links zum Thema

Während die Frage, ob man Patente auf Saatgut, konventionellen Pflanzensorten und Nutztierrassen überhaupt erteilen kann, noch umstritten ist (http://tinyurl.com/ygwrufc), steht bereits ein Präzedenzfall an: es geht um Brokkoli, um dessen konventionelles Saatgut und konventionelle Züchtungsmethoden (und explizit nicht um eine gentechnisch veränderte Pflanze!): http://tinyurl.com/y9ka59f.

Biodiversitäts-Konvention: gut gedacht, aber...

In diesem Zusammenhang finde ich es interessant,, dass es bereits eine völkerrechtlich verbindliche Konvention gibt: die Biodiversitäts-Konvention, (Convention on Biological Diversity, CBD). Über 190 Staaten haben sie unterschrieben und verpflichten sich damit zum Schutz der biologischen Vielfalt, sowie der nachhaltigen Nutzung ihrer Bestandteile. Vor allem aber fordert die CBD auch eine Zugangsregelung und den gerechter Ausgleich von Vorteilen, welche aus der Nutzung genetischer Ressourcen entstehen. Mit anderen Worten ausgedrückt: diejenigen, die genetische Ressourcen zur Verfügung stellen (also indigene Völker, Züchtergemeinschaften etc.), müssen der Nutzung zustimmen.

Leider wurde die Biodiversitäts-Konvention aber nur von Staaten unterzeichnet - und nicht von Unternehmen. Und die Anerkenntnis der CBD ist leider auch keine Voraussetzung für die Erteilung eines Patents. Die Folge: Unternehmen können sich weiterhin über Patente Monopolrechte an genetischen Ressourcen sichern, ohne irgendeine Vereinbarung den Bereitstellern zu treffen.

In den meisten Industrieländern gibt es bisher keine Gesetze, die dieses Vorgehen unterbinden und den Biopiraten drohen keinerlei Sanktionen. Und es kommt noch schlimmer: die Mitgliedstaaten der WTO sind sogar verpflichtet, den Biopiraten Patentschutz bereitzustellen und ihnen praktisch Monopolrechte zur Nutzung des geschützten Produktes oder Verfahrens zu gewähren.

Karin Ulrike Soika
 

Free Brokkoli!

Der Brokkoli-Fall nahm zumindest bei der Vernissage von meins?deins?unsers? am 13. April 2010 im Kunstpavillon München einen glücklichen Ausgang: das Piratenschiff kenterte nach bangen Minuten schliesslich doch und den befreiten Brokkoli vertilgten spätnachts wohl.. die Enten?!

Terminhinweis

Am 19. Juli 2010 findet in München eine Konferenz zum Thema "Patente auf Saatgut - am Wendepunkt" statt; Details: http://www.evb.ch/f25001909.html

Für den 20. und 21. Juli 2010, 9:30 Uhr, ist im Europäischen Patentamt München eine öffentliche Verhandlung über das Brokkolipatent angesetzt. Denn der Brokkoli-Fall gilt als wegweisend, denn hier wird grundsätzlich entschieden werden, ob Pflanzen und Tiere patentierbare Erfindungen sind, selbst wenn sie nicht gentechnisch verändert wurden.

Links zum Thema

Diesen Artikel, sowie eine Sammlung von Links zu Bündnissen, Veranstaltungen, Online-Unterschriftenaktion und weiteren Informationen rund um das Thema Biopiraterie finden Sie unter: www.soika.com/biopiraterie
Creative Commons License
Biopiraterie - oder wie aus Gemeingut Privateigentum wird von Karin Ulrike Soika wird als ein Kunstwerk unter einer Creative Commons Lizenz zur Verfügung gestellt. Das bedeutet, Sie dürfen:
  • das Werk bzw. den Inhalt vervielfältigen, verbreiten und öffentlich zugänglich machen
  • Abwandlungen und Bearbeitungen des Werkes bzw. Inhaltes anfertigen
  • Dabei müssen Sie den Namen des Autors/Rechteinhabers in der von ihm festgelegten Weise nennen.
Die Arbeit beruht zum Teil auf Inhalte unter www.keinpatent.de.