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Ein Bilderzyklus zum Thema Sati, dem indischen Ritual der Witwenverbrennung

Im Jahr 2001 reiste ich für mehrere Monate nach Indien. Seit Jahren interessiere ich mich für naturheilkundlichen Verfahren und ich wollte nun Ayurveda in seinem Ursprungsland kennenlernen. Doch sobald ich in Indien angekommen war, konnte ich mich den dortigen Sichtweisen über die gesellschaftlichen Stellung der Frau nicht entziehen und war tief betroffen.

Aus meinen Erfahrung heraus schrieb ich den Text: Das Schwert in der Scheide - Über weibliche Solidarität (i) und begann einen Bilderzyklus, der sich mit Sati auseinandersetzt, dem Ritual der Witwenverbrennung. Sati ist im modernen Indien verboten, wird aber dennoch gelegentlich in abgelegenen Gegenden praktiziert. Die ländliche Bevölkerung sieht in Sati einen heroischen Akt, doch für mich ist es ein Phänomen eines größeren Problemkreises: welche Wahl- und Überlebensmöglichkeiten hat eine alleinstehende Frau in der traditionellen (indischen) Gesellschaft überhaupt?

Über die Geschichte von Sati: Wurzeln und Gerüchte

Beim Sati (manchmal auch "Suttee" geschrieben) Ritual wird die Lieblingsfrau auf dem Grab ihres Ehemanns getötet. Es ist kein ausschließlich indische Ritual, sondern es wurde in vielen Teilen der Welt praktiziert, wie z. B. in Skandinavien, Ozeanien, Afrika und China, von wo aus es erst sehr spät nach Indien kam. Obwohl Außenstehende oft glauben, dass Sati ein Teil der Hindutradition ist, gibt es tatsächlich in den klassischen Hinduschriften keinerlei Hinweise darauf. Ganz im Gegenteil, gemäß den Begräbnisriten des Rigveda (ii) existiert eine Zeremonie, bei der die Witwe neben dem Leichnam ihres Mannes schläft, um dann die Erlaubnis zu erhalten, sich auf neue mit dem Mann ihrer Wahl zu verheiraten.

Einigen Quellen zufolge, kam Sati durch die Kushans (iii) im ersten Jahrhundert A.D. nach Indien und wurde dann dort von den Rajputs (iv) praktiziert. Die Rajputs waren im Nordwesten Indiens lebende, sehr kriegerische Stämme, der nicht nur immer wieder gegen die von Norden eindringenden Moslems kämpften, sondern auch blutige Stammesfehden untereinander führten. Eine interessante Erklärung für die Einführung des Sati Rituals ist, dass aufgrund der ständigen Kriege viele junge Männer ums Leben kamen und deren jungen Witwen eine Gefahr für die moralische Stabilität der Gesellschaft darstellten. Sati war demzufolge eine radikale Maßnahme, sich ihrer zu entledigen (Die Lösung der Moslems, die vor dem selben Problem standen, war hingegen die Einführung polygamer Ehen). (v)

Das Sati-Ritual, das im Süden Indiens nie praktiziert worden war, wurden 1829 unter der Herrschaft der Briten als kriminelle Handlung eingestuft und als solche verboten.

Sati als eine Form des Selbstmordes

Per Definition ist Selbstmord das willentliche Beenden des eigenen Lebens. Idealerweise ist es dabei die bewusste Entscheidung eines freien Individuums, aber sobald eine Handlung durch Kultur oder Tradition bewertet wird, verwischt sich der feine Unterschied zwischen sozialem Druck und persönlicher Motivation. Abhängig von Zeit und Ort wird Selbstmord als heldenhafte Tat angesehen, oder aber durch religiöse und weltliche Institutionen als kriminell verurteilt. (vii)

Gemäß dem indischen Sati-Ritual folgt die Witwe ihrem verstorbenen Mann auf den Scheiterhaufen. Die folgenden Beispiele zeigen die Parallelen zwischen Sati und einer entsprechenden Tradition der Wikinger, bei der die (Ehe-) Frau nach dem Ableben ihres Mannes geopfert wird. Hier wird deutlich, dass das zugrundeliegende Konzept dieser Tradition jenseits des Indischen Kontexts zu sehen ist (viii)

(1) ein beträchtlicher Zeitraum vergeht zwischen dem Tod des Mannes und des Verbrennung der Frau [/Frauen], die erst später, während der Beerdigungszeremonie umkommt.
(2) die Frauen und Konkubinen haben die Wahl, ob sie ihren Ehemann oder Meister begleiten möchten, aber sobald diese Entscheidung getroffen ist, kann sie nicht mehr rückgängig gemacht werden.
(3) die Frau, die sich freiwillig dafür entscheidet, zu sterben, wird verwöhnt und umsorgt, und bis zum Tag (ihrer) Opferung als etwas ganz besonderes behandelt.
(4) das Opfer wird durch Betonen ihrer Rolle als Frau/Konkubine und ihrer Sehnsucht nach dem Verstorbenen dazu ermutigt, ihrem Tod furchtlos entgegenzugehen; auch werden beruhigende oder berauschende Drogen eingesetzt, um Widerstand zu brechen.
(5) das Opfern oder Freilassen von Vögeln, die die Seele oder die Reise des Geists repräsentieren.
(6) eine alte Frau oder alte Frauen begleiten das/die Mädchen (Frauen) zum Scheiterhaufen, weisen sie an, ermutigen sie und führen das Opfer durch.

Sati ist eine Form des Selbstmordes, die sehr eng mit Ehre verbunden ist: indem die Witwe Sati begeht, zeigt sie ultimative Loyalität zu ihrem verstorbenen Ehemann. Zugleich wird auch sie zur Heldin und steigert so den sozialen Status der Familie ihres Ehemannes.

Auf der anderen Seite ist es aber auch interessant, den Schuldaspekt zu untersuchen: fühlt sich die Witwe schuldig am frühen Verscheiden ihres Mannes? Falls dem so ist, stünde Salti in der Tradition jener Selbstmorde, die in ausweglosen Situationen das Gesicht retten sollen. Hara-Kiri in der traditionellen japanischen Gesellschaft ist ein Beispiel hierfür, ein Zugeständnis an eine privilegierte Person, den letzten, moralisch angemessenen Schritt zu tun, um die eigene Ehre zu retten.

Andererseits muss die Praxis von Sati auch unter den soziologischen Aspekten gesehen werden, die oben angedeutet wurden, nämlich dass (junge) Witwen nicht nur eine Gefahr für die moralische Stabilität für die Gesellschaft darstellen, sondern auch einen zusätzliche Last für die Familie bedeuten. Denn, da sie nicht außerhalb des Hauses arbeiten sollen (dies würde die Familie entehren) haben sie keine Möglichkeit, ihren Lebensunterhalt zu verdienen. Sati weist insofern auch Ähnlichkeiten mit den selbst-regulierender Selbstmorden vorindustrieller Gesellschaften auf, wo nämlich die Mitglieder, die nicht länger für sich sorgen können, ihren Freitod zum Wohle der Gruppe wählen. Traditionell sind das normalerweise die Alten und Schwachen; wenn eine junge Frau in ihrem gesellschaftlichen Kontext jedoch auf dieselbe Art und Weise handelt, zeigt das, als wie gering ihr Wert für die Gruppe gesehen wird.

Warum ich Sati gewählt habe

Was mich an Sati interessiert ist die Tatsache, dass es in gewisser Weise einen Höhepunkt darstellt: für mich ist Sati Metapher für einer Gesellschaft, die der Frau keinen Wert als Individuum zugesteht, sonder sie vielmehr als die Erweiterung des Mannes bzw. als seinen Besitzt versteht, deren Lebensrecht demzufolge zusammen mit dem Leben des Mannes verlischt. Eben weil das Sati-Ritual so grausamen und fürchterlich ist, ist es für mich höchster und zugleich einprägsamster Ausdruck ebendieser Haltung gegenüber Frauen.

Es ist sehr einfach, Sati als ein exotischen wenn auch schreckliches Ritual einer weit entfernten Gesellschaft zu sehen, das nichts mit uns oder unserer Kultur zu tun hat. Aber, indem ich Sati als ein Sinnbild verstehe, symbolisiert es für mich Konzepte von Ehre und Schuld, sowie eine ganz bestimmte Haltung gegenüber Frauen, die sehr wohl auch in unserer eigenen post-industriellen, westlichen Gesellschaft existiert.

Denn was ist die Grundidee von Sati anderes als die einer Frau, die sich selbst ausschließlich in Bezug auf ihrem Ehemann definiert (oder vielmehr von anderen definiert wird), und sich dabei selbst als individuelles, menschliches Wesen vergisst? Nimmt man solch einen Standpunkt ein, ist es nur Folge einer grausame Logik, dass, sobald das Leben des Ehemannes zuende ist, auch ihr Leben zuende sein muss. Und so ist der Weg auf den Scheiterhaufen nur die konsequente Fortführung des Gedankens.

Während dieser letzte Schritt in der westlichen Gesellschaft nicht gegangen wird, haben doch viele Frauen bezüglich ihrer Selbstwahrnehmung als Individuum erschütternd ähnliche Einstellungen wie ihre indischen Schwestern: sie opfern Leben und Individualität auf dem Altar der Heirat, Familie und Karriere ihres Ehemannes. Und während sie sich selbst Eigenständigkeit und beruflichen Erfolg verweigern, definieren sie sich schließlich nur noch über ihre Funktionen in "seinem" Leben.
Und eine letzte Frage taucht für mich auf: inwieweit handelt es sich beim Sati-Ritual überhaupt um die freie Entscheidung eines freien Individuums, wo endet der Selbstmord und beginnt der Mord? Denn ich frage mich, in welchem Maße kann ein Individuum überhaupt frei sein, wenn es in eine erstarrte Gesellschaft mit förmlichen Haltungen und Verhaltensvorschriften geboren wird? Jeder Mensch steht immer wieder vor der Entscheidung zwischen dem sich gesellschaftlichen Kodexen Unterordnen einerseits - wobei der Preis stets der (partielle) Verlust eigener Freiheit ist -, und der Rebellion gegen ebendiese Kodexe andererseits, was meist mit dem Verlust des Schutzes der Gruppe einhergeht.

Eine Frau, die sich dem Sati-Ritual unterwirft und folglich dem Ehren- und Moralkodex der Gruppe folgt, hat sich ganz klar gegen persönliche Freiheit und für ihre Integration in die Gruppe entschieden. Dennoch ist der Tod an sich immer auch der große Befreier: indem sie die Linie (zwischen Leben und Tod) freiwillig überschreitet, wählt sie den letzten Weg in die Freiheit, der ihr noch geblieben ist. Sati ist tatsächlich ein Höhepunkt: im Moment der tiefsten Verstrickung in repressive Moralvorstellungen einer traditionellen Gesellschaft öffnet sich ihr eine Tür zu totaler Befreiung.

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