A LOVE Supreme
Selbst Liebende brauchen dann und wann ein wenig Abstand voneinander. Und so tritt meine Malerei - my long-time love supreme - derzeit ein wenig in den Hintergrund um einem anderen, faszinierenden Projekten Raum zu geben.
[Ist Kunst nicht viel mehr als Malerei?
Vielleicht ist ganz einfach Kunst meine love supreme?]
Ich glaube ganz generell ist die Motivation hinter all meinem Tun das Streben nach Selbst- und Welterkenntnis. Malerei ist ein Weg dorthin. Auf dem langen Weg von der leeren Leinwand zum vollendeten Tafelbild ist viel Raum zum Nachdenken und um Klarheit zu gewinnen (2). Letztendlich sehe ich für mich keine andere Option. Ich bin ein spirituelles Wesen - doch wenn ich dem Autopiloten Raum lasse, werde ich mich auf Kreisbahnen bewegen und immer wieder dasselbe erhalten: eine verzerrte Wahrnehmung der Wirklichkeit, meine eigene Projektion, die sich über die Realität legt (3).
2026 Aktuell stecke ich mitten in einer Tiefenbohrung in eigener Sache, betreibe wohlwollend begleitete Nabelschau, ändere mein Arbeitsmodell, etablieren neue Sichtweisen, Muster und Handlungen. Diese Arbeit ist intensiv, aber extrem bereichernd. Sie verleiht mir Flügel und entfernt Hindernisse aus meinem Weg, deren Existenz mir noch nicht einmal bewusst war.
Manches davon hinterlässt Spuren in Ausstellungsbeiträgen.
2024 Noch immer ruht meine Malerei und ich besuche mein Atelier glücklich, aber eher sporadisch. Mein Studium und auch der Zwischenraum hatten mich erschöpft. Ich brauche und gönne mir Zeit, lasse meine Seele baumeln und schöpfe Kraft. Ich nehme die Arbeit an no2DO wieder auf, mein Langzeitprojekt, an dem ich seit 2008 arbeite: eine zeitgenössische Annäherung an das I Ging (1).
Ich fotografiere (Instagram), collagiere (Catalyst), mache Musik, tanze.
2021/2022 scheinen Jahre zu sein, in denen ich Projekte abschließen kann, die mich lange Zeit begleitet haben. Da wäre zum einen mein Philosophiestudium, das ich 2021 mit meiner Abschlussarbeit Jeder ist ein Künstler! Oder: Kunst als Prototyping. beende.
Ein weiteres Projekt ist Zwischenraum Sterben (Projektwebsite: www.der-zwischenraum.de), ein Ausstellungsrojekt, das ich seit 2019 mit einem Team aus Künstlern, Theologen und Medizinern entwickelt habe und das wir nach pandemiebedingten Verzögerungen 2022 endlich realisieren konnten. Vom 08. bis 15. Oktober 2022 bot der Zwischenraum Münchner Bürgerinnen und Bürgern mit einer Ausstellung und Abendveranstaltungen die Möglichkeit, sich niedrigschwellig über die Hilfen für die letzte Phase des Lebens zu informieren.
Einer meiner Beiträge für das Ausstellungsprojekt Zwischenraum Sterben war die Videoserie "An der Schwelle", die ich in Zusammenarbeit mit Christophe Schneider realisiert habe. In 21 Interviews (Gesamtlaufzeit ca. 6 Stunden ) kommen Haupt- und Ehrenamtliche aus der Hospiz- und Palliativarbeit (‚Palliative Care‘) zu Wort. Sie berichten über ihre Tätigkeit, teilen ihre Erfahrungen und Wünsche, und gewähren den Zuschauern sehr persönliche Einblicke in ihr Tun. Details zum Projekt und Links zu den Einzelinterviews gibt es hier: An der Schwelle
In anderen meiner Ausstellungsbeiträge ging es um die kommunikative Interaktion mit Besuchern. Meine Gedanken zu diesem Thema, zu kommunikativ-künstlerischer Interaktion, habe ich unter dem Titel Polylog: Eine gemeinschaftliche Kunstform. näher ausgeführt.
Horizontverschmelzung (2015 - 2021)
Liebe. Ja, die Kunst ist tatsächlich meine love supreme. Aber ich habe noch eine weitere Liebe: die Philosophie. Und die will ich 2015 auf eine solide Basis stellen und beginne zu studieren. Und bekomme sofort Heimatgefühle wegen der Inhalte. Und manchmal Befremdung wegen der kopflastigen Lebensferne.
Die Textfülle, die meine Kunst bisher umrankte, profitiert von meinem Philosophiestudium auf jeden Fall. Und auch für mein Projekt zum I Ging (1), an dem ich seit 2008 arbeite, trägt mein Studium Früchte. Zum Beispiel, indem ich das Konzept von Wu Wei - Nicht-handeln - genauer untersuche und für die westliche Denkweise erschließe: Wu Wei. Eine Annäherung. Genauso wie Wabi-Sabi, ein eng mit Japan und dem Zen-Buddhismus verbundene Konzept der Ästhetik, das man möglicherweise am treffensden als eine Art und Weise beschreiben kann, Dinge wahrzunehmen bzw. auszudrücken: Wabi-Sabi – das Zen der Dinge. Über Buddhismus und Schönheit.
Nach und nach arbeite ich mich philosophisch an all den Themen ab, die mich immer schon umtrieben. Beispielsweise das Verhältnis von Kunst und Heilung: Kunst und Heilung: Bestimmungskriterien für heilsame Kunst im therapeutischen Kontext. Eine weitere meiner Fragen lautet: Warum kann uns ein Kunstwerk berühren? Auf meiner Spurensuche stoße ich auf Empathie, unserer menschlichen Fähigkeit, zu "fühlen, was andere fühlen". Aber beschränkt sich Empathie darauf? Oder könnte es vielleicht sein, dass Empathie eine Art in beide Richtungen offener Kommunikationskanal ist? Meine in Textform gegossenen Überlegungen: Ich und Du. Über das Verhältnis von Empathie und Kunst.
Der schwierigsten Frage von allen widme ich mich schließlich in meiner Abschussarbeit: Warum beschäftigen sich Menschen überhaupt mit Kunst? Meine Antwort: Jeder ist ein Künstler! Oder: Kunst als Prototyping. Ich folge den Spuren von Beuys, argumentiere mit Modellen der psychosomatischen Medizin und plädiere schlussendlich dafür, die Unterscheidung zwischen Künstler und nicht-Künstler aufzugeben.
Denn Kunst, künstlerisches Tätigsein, birgt das Potential, Dinge, die in uns Menschen zerbrochen sind, wieder zusammenzufügen – und so als Individuen und auch als Menschheit ganzheitlich zu heilen.
