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A Deeper Shade of Blue: What you know is what you see is what you get

Ich möchte Bilder malen, die dem Betrachter dasselbe Gefühl geben, wie der Blick in die offene Landschaft: Ruhe, den Verstand und die Sinne öffnen, fühlen, sich wieder rückverbinden mit dem Fluss des Lebens...

Der nachfolgende Text entstand anlässlich einer Ausstellung, bei der ich Arbeiten aus unterschiedlichen Werkgruppe zeigte. "Warum malen Sie abstrakte Bilder?"ist eine häufige Frage, mit der ich mich konfrontiert sehe. Ja warum? Weil abstrakte Malerei unweigerlich den Blick öffnet...

Neuronale Automatismen bestimmen unser Handeln und unsere Wahrnehmung

... und sind uns zugleich Chance und Krux

Unser Gehirn besteht aus ca. fünf Milliarden Neuronen, also Nerveneinheiten, die über Synapsen miteinander verbunden sind, um so Reize zu übertragen. Das geschieht über erregende bzw. hemmende Botenstoffe, die Neurotransmitter. Sobald sich eine Verschaltung als nützlich erwiesen hat und in der Folge häufiger genutzt wird, entwickelt sich der neuronale Pfad zur Datenautobahn und wir reagieren oder handeln ab sofort nach festgelegtem Muster automatisch auf bestimmte Schlüsselreize (1).

Dabei ist bemerkenswert, dass nur knapp ein Sechstel unseres Gehirns tatsächlich Kontakt zur Umwelt/Realität hat und nur ein kleiner Teil dessen, was unsere Sinnesorgane wahrnehmen als relevant klassifiziert tatsächlich unser Bewusstsein erreicht. Der größte Teil unseres unseres Gehirns ist mit Ausfiltern von Sinnesreizen und der anschließenden Verarbeitung der zugelassenen Informationen beschäftigt, die wiederum auf neuronalen Bahnen erfolgt.

All dies hilft uns dabei, besser in unserer Welt zu funktionieren. Kritisch wird es erst, wenn es zu negativen Rückkopplungen kommt, automatisierte Verhaltensmuster der tatsächlichen Situation nicht länger entsprechen oder sich negative emotionale Muster verankert haben.

Aber nicht nur neuronale Schaltkreise beeinflussen unser Verhalten. Unsere Emotionen fließen als Neuropeptide durch unseren gesamten Körper, docken an bestimmten Rezeptoren an und beeinflussen so unsere Wahrnehmung und unsere Entscheidungen. Aufgrund von Gewöhnungsprozessen innerhalb der Rezeptoren suchen wir uns (unbewusst) immer wieder ähnliche Situationen, die die entsprechende Emotion und Neuropeptide auslösen.

Neuronale Automatismen sind "plastisch", d. h. unsere Konditionierung ist nur eine Anfangsbedingung unserer bewussten Existenz

Doch es ist möglich, unser Arbeitsmodell zu ändern und neue Sichtweisen, Muster und Verhaltensweisen zu etablieren. Tatsächlich kann der Mensch lebenslang neue Nervenzellen und Synapsen ausbilden und neue synaptische Verschaltungen knüpfen (2)

Unsere Konditionierung ist also eine Anfangsbedingung unserer bewussten Existenz - und wir können sie modifizieren. Sobald wir uns unserer neuronalen Muster und emotionalen Abhängigkeiten bewußt werden, können wir durch das Vermeiden alter Regelkreise Bindungen lösen und unsere Bewertungskriterien, die allesamt in der Vergangenheit und unseren (alten) Erfahrungen wurzeln, relativieren, weil sie nur unzureichende Werkzeuge sind, um die neuen Herausforderungen zu meistern.

Erst wenn wir mit einer positiven Grundstimmung tatsächlich in unserer Gegenwart präsent sind und die Realität nicht länger als einen Feind zu betrachten, den wir wahlweise besiegen oder verbessern müssen, werden wir uns frei und glücklich fühlen und unverbrauchte, kreative Antworten auf die Herausforderungen unserer Lebenswirklichkeit finden.

Die Anfangsbedingung unserer bewussten Existenz ist also, dass unser Gehirn neuronal verschaltet, im Traumen erstarrt, kulturell geprägt, medial verführt und das, was wir wahrnehmen, lediglich Produkt unserer jeweiligen Brille ist. Wo endet also das "Bild", das wir uns vor langer Zeit über die Welt zurechtgelegt haben und wo beginnt "Realität" und damit die freie Wahl unseres Handelns?

Wenn wir dem Autopiloten Raum lassen, werden wir uns auf Kreisbahnen bewegen, in endlos wiederkehrenenden, eingeschliffenen neuronalen und biochemischen Netzen; wir nehmen nur das wahr, was wir bereits kennen - und erhalten so immer wieder dasselbe: eine verzerrte Wahrnehmung der Wirklichkeit, unsere eigene Projektion, die sich über die Realität legt.

Wenn wir dem Autopiloten Raum lassen, wird uns die Realität enttäuschen - oder überraschen

Ich habe vor kurzem das Buch Die Sehnsucht nach der Südsee (3) gelesen. Was mich erstaunte, war die Enttäuschung der Südseefahrer, nachdem sie auf den Inseln nicht das vorfanden, was sie erwartet hatten: die von der Lektüre genährte Idee von der Südsee, die aber ausschließlich in ihren Köpfen existierte...

An dieser Stelle kommt für mich die abstrakte Kunst ins Spiel. Abstrakte Kunst fordert uns auf, uns auf die Realität einzulassen, die sich vor unseren Augen entfaltet. Idealerweise kann der Betrachter im abstrakten Bild nichts ihm bereits Vertrautes erkennen. Wenn er stark in seinen konditionierten Vorstellungswelt verhaftet ist, wendet er sich in diesem Moment enttäuscht ab, genau so, wie die Südseefahrer es taten. Ist er jedoch offen gegenüber dem Neuen und Unbekannten, eröffnen ihm abstrakte Bilder neue Welten und erweitern sein Bewusstsein (4).

Ich möchte Bilder malen, die dem Betrachter dasselbe Gefühl geben, wie der Blick in die offene Landschaft: Ruhe, den Verstand und die Sinne öffnen, fühlen, sich wieder rückverbinden mit dem Fluss des Lebens: sophisticated seescapes.

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