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SixtyFour Kōans

Eine intentionale Annäherung an das I Ging: das Bild ist immer nur das Tor zur Idee, und hat man sie erfasst, vergisst man das Bild.

Man kann auf zweierlei Art Einsicht in die Dinge gewinnen: durch umfangreiche Lektüre und anschließende Reflektion; oder aber durch Kontemplation.

Die Welt in 64 Bildern

Das I Ging (1), das "Buch der Wandlungen", ist der älteste der klassischen Texte Chinas und beschreibt die Welt in 64 Bildern. Der schamanistische Orakel-Tradition entstammend wird es auch heute noch als Weisheits- und Weissagungsbuch benutzt.

Die Weltsicht, die dem I Ging zu Grunde liegt, wurzelt im Taoismus (2). Grundidee ist die uranfängliche Einheit aus der die Schöpfung hervorgeht: sie gebiert die Zweiheit (Yin und Yang, Licht und Schatten) und durch deren Wandlungen, Bewegungen und Wechselspiele entsteht unsere Lebenswelt. Die ethische Lehre des Taoismus rät dem Menschen, dieses Weltprinzip durch eigene Beobachtung kennenlernen und das Tao zu verwirklichen, indem er sich harmonisch an die sich kontinuierlich verändernden, phänomenalen Erscheinungsformen anpaßt.

Panta Rhei - alles fließt

Dieses Konzept vom fließenden, sich permanent wandelnden Charakter unserer Umwelt findet sich als "panta rhei" (3) auch in der europäischen Philosophie: alles ist in ständ"igem Wandel begriffen, alles fließt und über die sich unablässig verändernde Wahrnehmungswelt können keine allgemeingültigen Aussagen getroffen werden (Heraklit (4), Platon (5)).

Vor eben diesem Hintergrund entwickelt Platon seine Ideenlehre (6): real existierende, unveränderliche, aber sinnlich nicht wahrnehmbare, urbildhafte Prinzipien, über denen das Gute (agathón) (7) als die höchste Instanz steht. Im I Ging ist das Konzept urbildhafter Ideen in 64 unveränderlichen Bildern konkretisiert, die selbst wiederum in der Einheit, dem Tao, beheimatet sind.

Ideenwelt und Sinnenwelt

Platon zeigt sehr deutlich, in welchem Verhältnis Ideenwelt und Sinnenwelt zueinander stehen:

In schroffem, unausgeglichenem Gegensatz stehen sich gegenüber das reine, schlechthin unwandelbare Sein der Idee, und das fortwährend wechselnde, auf alle Weise sich verhaltende Pseudo-Sein der Erscheinung: jenes das Sein, welches immer ist, dieses umhergetrieben vom Werden und Vergehen. (8)

Wang Bi (9), ein chinesischer Philosoph, schreibt später über das Verhältnis von Ideen und ihrer Konkretisierung in den 64 Bildern des I Ging:

Die Bilder gehen aus den Ideen hervor. Die Worte machen die Bilder klar. Um die Ideen vollständig auszudrücken, gibt es nichts Besseres als die Worte. Die Worte sind aufgrund der Bilder entstanden. Daher kann man die Bilder schauen, indem man die Worte untersucht. Die Bilder werden von den Ideen beherrscht. Daher kann man die Ideen schauen, indem man die Bilder untersucht. Die Ideen werden durch die Bilder vollständig erfasst und die Bilder durch die Worte klar gemacht. Daher haben die Worte den Zweck, die Bilder zu erklären; hat man die Bilder erfasst, so vergisst man die Worte. Die Bilder haben den Zweck, die Ideen zu erkunden; hat man die Ideen erfasst, so vergisst man die Bilder. Ebenso hat das Verfolgen der Spur eines Hasen den Zweck, seiner habhaft zu werden. Hat man ihn gefasst, so vergisst man die Spur. Die Fischreuse hat den Zweck, der Fische habhaft zu werden. Hat man sie gefasst, so vergisst man die Reuse. Nun denn, so sind die Worte die Spur zu den Bildern. Die Bilder sind die Reuse für die Ideen. Wer daher bei den Worten stehen bleibt, wird nicht die Bilder erfassen, und wer bei den Bildern stehen bleibt, wird nicht die Ideen erfassen. (10)

Die Bilder sind die Reuse für die Ideen

Die im I Ging, dem Buch der Wandlungen, durch Worte gezeichneten Bilder sind also nur Hilfsmittel, um der abstrakten, unveränderlichen Ideen habhaft zu werden. Es ist eine intellektuell geprägte Herangehensweise, eine, die Lektüre und anschließende Reflexion erfordert.

Ich persönlich finde die Worte des I Ging zu den Orakelzeichen - auch in der 2007 erschienenen sehr guten Neuübersetzung durch Georg Zimmermann (11) - sehr schwer verständlich. Ich führe es darauf zurück, dass die Originaltexte (und Übersetzung ist und bleibt Übertragung des Originals und nicht dessen Neuinterpretation) aus einem Kontext stammen, der sowohl räumlich und zeitlich, als auch in Bezug auf die Lebenswirklichkeit des einzelnen, sehr weit von unserem entfernt ist.

no2DO

In der Folge habe ich beschlossen, mich den 64 unveränderlichen Grundideen des I Ging auf zweierlei Weise zu nähern. Die erste ist, wie das Buch der Wandlungen selbst, noetisch: In meinem Projektraum no2DO (12) zeige ich zu den einzelnen Bildern konkrete Lebenssituationen auf, in denen sich die urbildhafte Idee jeweils ausdrückt, und beschreibe diese; anschließend benenne ich häufige, nur allzu menschliche Reaktionsmuster und stelle schließlich Möglichkeiten vor, wie man im Sinne der Taoistischen Lehre damit umgehen könnte: statt gegen Veränderungen anzukämpfen, gilt es, sich an ihnen zu orientieren und sie für den eigenen Lebensweg zu nutzen.

SixtyFour Kōans

In der Serie SixtyFour Kōans beschreite ich einen anderen Weg. Wie in einer Blindstudie habe ich die Bildtitel verdeckt zugewiesen und male Bilder, ohne zu wissen, um welches der 64 Zeichen es sich jeweils konkret handelt. An die Stelle umfangreicher Lektüre und intensiver Reflexion (wie bei no2DO) tritt bei SixtyFour Kōans ein intentionaler Erkenntnisprozess.

Die Herangehensweise der verdeckten Zuweisung von Bildtiteln mag auf den ersten Blick beliebig erscheinen, und das ist sie sicherlich, solange man das konventionelle, von den Newtonschen Gesetzen geprägtes Weltbild (13) zugrunde legt. Sobald man das Paradigma erweitert und die Ungereimtheiten der Quantenmechanik (14) einfügt, entsteht ein Umfeld, in dem der menschliche Geist (15) die physische Welt sehr wohl durch seine Absicht beeinflussen kann. Denn ganz offenbar gibt es neben den konventionell-physischen Zusammenhängen noch eine andere Art von Bewußtsein, die jenseits von Kausalität und einer linearen Zeitachse existiert und wirkt (16).

Das Resultat sind Bilder und Titel, die wie Kōans (17) funktionieren: Eine scheinbar paradoxe Kombination, deren Ziel nicht Auslegung oder Erläuterung ist, sondern die dem Betrachter hilft, das begriffliche Verstehen zu transzendieren und so der Sprung auf eine andere Ebene des Begreifens ermöglicht.

Oder, um es mit Platon zu sagen:

Die Erkenntnis des Seienden [der Ideen] ist im Letzten nicht sprachlich, sondern ereignet sich dort, wo es jemandem gelingt, die Natur des einzelnen Seienden in dem, was es ist, mit der Seele zu berühren. (18)

Bei SixtyFour Kōans ist es also der Betrachter selbst, der durch seine eigene, intuitive Annäherung an Bild und Titel Einsicht in die Idee hinter dem Zeichen gewinnt.

Das Bild ist immer nur das Tor zur Idee, und hat man sie erfasst, vergisst man das Bild.

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