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The Lotus Feet

"The Lotus Feet" ist die zweite Arbeit, in der ich mich mit so genannten "exotischen" Phänomenen befasse und diese auf unseren kulturellen Kontext beziehe (i). Diesmal arbeite ich mit Schönheitsidealen und den daraus resultierenden absichtlich herbeigeführten Veränderungen des eigenen Körpers. Dabei interessieren mich einerseits Motivation, soziale Bedeutung und Instabilität von Schönheitsidealen, andererseits aber auch die Möglichkeiten des Individuums mit diesen umzugehen.

Ikonografie

"The Lotus Feet" basieren ikonografisch und konzeptuell zuerst einmal auf dem chinesischen "Three-Inch Gold-like Lotus" (ii), dem grob eintausend Jahre währenden Schönheitsideal gebundener und verformter weiblicher Füße. Ich ergänze sie durch geographische Zuweisungen der einzelnen Arbeiten sowie Fotografien von Fröschen (als eine modere Art von papier collé) als Symbol für Veränderung und Sexualität.

Ikonografie I: Lotus Feet

"Wenn ein Mädchen ungefähr drei Jahren alt war, wurden ihr alle Zehen außer dem großen gebrochen, und ihre Füße wurden eng mit Stoffstreifen umwickelt, damit sie nicht größer als 10 cm wuchsen, (ca. 3.9 Inch). Dies verursachte, dass sich die Fußsohlen extrem aufwölbten." (iii)

Die Praxis des "foot binding" wurde Ende der Tang Dynastie (etwa 900 nach Christus) eingeführt und 1911 in der neuen Chinesischen Republik offiziell verboten. In abgelegenen Gebieten wurde "foot binding" aber noch bis in die 1930er und 1940er Jahre praktiziert. Nach einer jüngst durchgeführten Studie, bei der 193 Frauen in Peking untersucht wurden (93 von ihnen waren 80 Jahre und älter; 100 zwischen 70 und 79 Jahre alt), stellte sich heraus, dass 18 % der zwischen 70 und 79 Jahre alten Frauen, und 38 % der über 80jährigen durch "foot binding" deformierte Füße hatten. (iv)

Innerhalb des traditionellen (also: vor-revolutionären) chinesischen Kontexts waren "Lotus Feet" lange Zeit neben Schönheitsideal auch ein Statussymbol, denn eine Tochter mit winzigen Füßen zu haben bedeutete, dass die Familie reich genug war um auf deren Arbeitskraft verzichten zu können. Zudem entwickelten sich gebundene Füße bald zu einem Symbol für Keuschheit: da die Frauen kaum laufen konnten, war ihr Bewegungsradius auf das Haus beschränkt und ihre voreheliche Jungfräulichkeit so quasi garantiert.

Etwa hier wird für mich offensichtlich, dass Schönheitsideale - ganz sicher das der "Lotus Feet", aber vielleicht auch andere, uns vertrautere - in engem Zusammenhang mit dem Erhalt und der Vertiefung von gesellschaftlichen Machtstrukturen gesehen werden müssen: Schönheitsideale sind "Ausprägungen von Macht", denn jener, der die Macht innehat, etabliert sie und der Schwächere wird dahingehend manipuliert, ihnen zu folgen und sich selbst so noch weiter zu schwächen. Das Resultat ist eine Machtschere, die sich immer weiter öffnet.

In diesem Kontext möchte ich ein interessantes Essay zitieren, das sich mit der Praxis der "Lotus Feet", mit Machtstrukturen und die Thesen Foucaults beschäftigt:

Einer der wichtigsten Aspekte des "foot binding" ist, dass die disziplinierende Macht, die die Weiblichkeit definiert, überall und nirgendwo ist. Autoritätsperson ist jeder und zugleich niemand bestimmtes. Foucaults Beziehung der Macht zum Körper ist, dass die äußerliche Ausprägung der Macht internalisiert und gelebt wird. Sie findet sich in keiner besonderen Institution und ist ungebunden. Und ebendiese "Abwesenheit formeller institutioneller Struktur" (v 1) erweckt den Anschein, als ob sich die Erzeugung von Weiblichkeit natürlich und freiwillig einstelle. Tatsächlich kann diese Praxis beides zugleich sein: freiwillig und unfreiwillig. Dennoch "muss sie als Teilaspekt einer weit größeren Maßregelung verstanden werden, eines unterdrückenden und auf Ungleichheit basierenden Systems sexueller Unterwerfung". (v 2) Obwohl es keine formellen Strafmaßnahmen oder Autoritätspersonen gibt, ist eine Frau, die sich weigert, den Regeln folgen, keine Frau mehr. Sie wird sich der schlimmsten Zurückweisung durch die männliche Gesellschaft überhaupt gegenübersehen, nämlich der Verweigerung männlichen Schutzes. (v)

Schönheit und Machtstrukturen

Wer sich - freiwillig oder unfreiwillig (wobei hier die Bewusstheit des Individuums die entscheidende Rolle spielt) - Veränderungen unterzieht, die der Schönheit dienen, wird unweigerlich zum Opfer: er oder sie opfert seinen/ihren unversehrten Körper auf dem OP-Tisch dem höheren Ideal, das aber leider in den meisten Fällen fremdbestimmt ist.

Denn: woher stammt dieses Ideal? Foucaults Beobachtungen zu internalisierten Machtstrukturen werden im o. g. Zitat mit "foot binding" in Zusammenhang gebracht, und seine Thesen sind an diesem Extrembeispiel leicht nachvollziehbar. Grundsätzlich beziehen sich seine Beobachtungen aber auf unsere Kultur: eine Gesellschaft also, die sich selbst als offen und tolerant einschätzt. Die Frage, die ich insofern hier stellen möchte, lautet: gibt es auch bei uns internalisierte Machstrukturen, derer wir uns nicht bewusst sind, und wie können wir mit ihnen umgehen?

Wir werden tagtäglich von einem Meer von Bildern umflutet, das uns eine erstrebenswerten Idealwelt vorgaukelt, nach der auch wir streben sollen. Wie gehen wir damit um, erkennen wir überhaupt noch, dass es sich um eine virtuelle Welt handelt, deren Ursprung uns in den meisten Fällen unbekannt ist? Oder nehmen wir diese Medienwirklichkeit vielleicht bereits als eine real-materielle Wirklichkeit wahr, in die wir uns einfügen müssen?

Denn zweifellos haben auch wir kulturellen Schönheitsideale für die es keine wirkliche "Institution" gibt, die sie definiert und hinter denen keine bestimmte Autoritätsperson oder definierbare Gruppe steht. Wie groß ist die Macht des anonymen Zensors, der in uns wirkt, und haben wir, solange wir uns seiner nicht bewusst sind, überhaupt eine Möglichkeit, uns zu widersetzen?

Wenn wir als Fremde in eine fremde Kultur eintauchen, wie z. B. die exotische Welt der "Lotus Feet", können wir vielleicht solche internalisierte Machtstrukturen begreifen um dann, in einem nächsten Schritt, alternative Strategien zu entwickeln, mit ihnen umzugehen.

Nachfolgend noch ein paar "facts and figures" zum Themenkomplex Schönheitsideale.

Schönheit I: OP goes Mainstream

Ich persönlich finde es ziemlich erschreckend, wie sehr Schönheitsoperationen mehr und mehr zum Mainstream werden. Während vor zehn Jahren einige wenige Schönheitschirurgen dezent mit Vorher-/Nachhehrfotos für ihre Behandlung warben, sind "total makeovers" mittlerweile Inhalt nachmittäglicher Fernsehshows. Offensichtlich hängt diese neue Pflicht zur Optimierung auch damit zusammen, das der Körper in der nachindustriellen, hoch technisierten Arbeitswelt an Wichtigkeit verloren hat, dafür aber immer mehr an Bedeutung für die Inszenierung und Stilisierung des Selbst, zum Repräsentieren, zur Darstellung des sozialen Status etc. gewinnt.

Der Wirtschaftssektor Schönheitschirurgie hat gegenwärtig allein in Deutschland einen Gesamtumsatz von mehreren Milliarden Euro. (vi)

Schönheit II: Tattoo goes Mainstream

Parallel zu den klassischen Schönheitsoperationen, die einst eher der gesellschaftlichen Oberschicht vorbehalten waren, entwickeln sich heute aber auch Tattoo und BodMod (vii) zu Massenphänomenen. Tattoos, früher das Kennzeichen von Exoten, Geächteten oder Vagabunden, später zumindest noch Zeichen von "antisozialer Gegenkultur" (viii), sind heute ein populärer Trend quer durch alle Einkommensgruppen und sozialen Schichten.

Tattoo und BodMod sind ebenfalls Phänomene der Rückkehr zu einer neuen Körperlichkeit. Im Gegensatz zu den klassischen Schönheitsoperationen aber mit einem archaisch-schamanistischen Touch: durch den körperlichen Schmerz wird versucht "personal empowerment" zu erlangen, also eine Stärkung von Selbstbewusstsein und Individualität.

Ebendies mag in einzelnen Fällen sicher auch funktionieren. Dennoch hat der Entschluss zum Tattoo aus modischen Überlegungen heraus oder dem Gruppendruck folgend sicherlich genauso wenig mit Individualität zu tun, wie eine Schönheitsoperation aus dem Katalog.

Schönheit III: Art goes OP

Dass wir unseren Körper nach unserem Willen verändern können, hat uns die französische Künstlerin Orlan gezeigt, indem sie anfing, ihren Körper mit allen ihr zu Verfügung stehenden Mitteln moderner Operationskunst umzuformen, ihn und somit sich selbst nach ihren eigenen Vorstellungen neu zu erschaffen. So wird sie quasi zur Bildhauerin ihres eigenen Körpers und thematisiert dabei zugleich sehr eindringlich, wie sehr das jeweilige Schönheitsideal auch immer ein Spielball der Moden ist.

Schönheit IV: Psychologie und Philosophie

Weiter oben fragte ich, inwieweit wir uns internalisierter Machstrukturen bewusst sind, die uns Änderungen in unserem physischen Erscheinungsbild nahe legen wollen. Ich möchte an dieser Stelle einige ergänzenden Gedanken zu philosophischen und psychologischen Aspekten von willentlichen Körperveränderungen (sei es nun durch chirurgische Eingriffe oder durch andere Techniken) anführen.

Wenn wir zunächst einmal das Recht des Individuums auf Selbstbestimmung zugrunde legen, dann schließt dies sowohl das Recht auf Anderssein als auch das Recht auf Modifikation um Teil einer Gruppe zu sein, ein. Insofern ist es vielleicht nicht so sehr die Frage nach einem klaren "Ja" oder "Nein" zu Schönheitsoperationen im allgemeinen entscheidend, als vielmehr nach dem Bewusstheitszustand in dem diese Wahl getroffen wird. Oder anders gefragt: geht es bei dem Entschluss zu einer willentlichen Körperveränderung darum, einen Ausdruck für die eigenen Persönlichkeit zu finden, oder aber um die Auslöschung individueller Merkmale im Sinne der Gleichschaltung?

Für mich persönlich liegt der Sinn der irdischen Existenz zweifelsohne in der Ganzwerdung der Persönlichkeit, und damit auch und gerade in der Integration von Ungeliebtem, d. h. den Schattenaspekten des Selbst. Ungeliebtes - sei es nun körperlicher oder seelischer Natur - einfach aus dem System zu entfernen bedeutet letztendlich einen klassischen Phyrrus-Sieg: denn nur wer auch seine Schatten integriert, wird "ganz", wer die Schattenanteile absichtlich entfernt, schwächt sich selbst.

Schönheit V: Ideale und Zeit

Schönheitsideale sind Moden und als solche Wandlungen unterworfen. Auch die "Lotus Feet", einst Chinas höchste Ideal femininer Eleganz, wurden mit der Kulturrevolution von einen Tag auf den anderen zum Stigma: die gebundenen, zum Laufen unbrauchbar gewordenen Füße waren plötzlich Verkrüppelung und Überbleibsel einer finsteren Epoche. Sich kulturellen Schönheitsidealen zu beugen und herrschende Kategorien von "Schön" und "Hässlich" zu akzeptieren birgt also immer das Risiko, von der Zeit überholt zu werden. Schönheitsideale sind instabil und dies wird durch Globalisierung und Vermischung von Kulturen noch verstärkt.

Ikonografie II: Frösche

Der Frosch hat den Makel der Hässlichkeit und des Selbsthasses überwunden. Den Chinesen ist er als Yin-Symbol ein Zeichen für Wohlstand und Erfolg.

Frösche wandeln sich auf natürliche Weise von der Hässlichkeit zur Schönheit, von der Kaulquappe zur Frosch, und manchmal sogar zum Prinzen. Durch ihre enge Verbindung zum Element Wasser wurden sie immer schon mit Sexualität und Vorstellungen von Sexualität in Verbindung gebracht.

Ikonografie III: geographische Zuweisungen

Kunst ist vielschichtig und wenn sich in diesem Prozess ein Bild entwickelt, dann sind mir dabei viele Gedanken durch den Kopf gegangen. Dennoch möchte ich ganz kurz, vielleicht schlagwortartig, skizzieren, in welche Richtung die den einzelnen Arbeiten zugewiesenen geographischen Räume deuten.

Lotus Feet_China: Das feudale China ist Ursprungsland der Lotus Feet. Zum heutigen China fallen mir Gleichschaltung von Menschen ein, riesige Heere von Arbeitern, die in ihren Uniformen zur Arbeit drängen. Verkrüppelte und nicht verkrüppelte zugleich (ist ein seelisch beengter Mensch nicht auch irgendwie: verkrüppelt, obwohl körperlich vielleicht intakt?). Die Uniformität hängt über allem. Individualität ist schwer.
Lotus Feet_Hawaii: Hula und hawaiianischer Schamanismus. Ein Land, das eine ganz eigene Kultur hat und pflegt, und zugleich schwer unter der Amerikanisierung seiner Gesellschaft leidet. Zwei Kulturen, die einander sehr gegensätzlich sind.
Lotus Feet_Brazil: Der Entschluss zu einer Schönheitsoperation hängt stark vom Selbstempfinden ab. Früher fühlten viele Brasilianerinnen den Makel der schwarzafrikanischen Erbmasse. Die Konsequenz waren Brustverkleinerungen. Heute empfinden sie sich wie die Argentinierinnen in Europa verwurzelt. Und wie die Europäerinnen lassen sie sich heute ihre Brüste vergrößern. Soziologen sehen in den argentinischen Fernsehproduktionen, die jetzt auch in vom brasilianischen Fernsehen ausgestrahlt werden, den Grund für diesen Mentalitätswandel.
Lotus Feet_Australia: Der einzig gesunde Fuß gehört einem Aborigine. Gesund, weil ganz vor dem inneren Auge der betreffenden Person. Die anderen Füße sind fragmentiert, weil die Menschen fragmentiert sind: kulturell Wurzellose.
Lotus Feet: East_meets_West: Die Vermischung der Kulturen. Traditionelle, in sich geschlossene Gesellschaften werden mit europäisch-westlichen Sichtweisen konfrontiert. Kein Urteil, ich beobachte nur. Wer sich gegen die Vermischung stellt, wird diese zwangsläufig als schmerzhaft empfunden. Wer sich ihr öffnet, eventuell als Bereicherung.

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