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Kunst, Kitsch und Spiritualität

Je tiefer man in das Kunstschaffen eindringt, um so spiritueller wird es. Auch wenn sich die Kunstszene vehement von der Esoszene abgrenzt und ich mich persönlich in erster Linie als Künstlerin begreife, ist mir doch klar, dass künstlerische Arbeit an sich eine spirituelle Tätigkeit ist.

Ästhetische Kompetenz ist meiner Meinung nach unabhängig von religiöser Bewusstheit. Das heißt, eine Person kann sehr wohl tief religiös sein, und zugleich jeder ästhetischen Kompetenz entbehren - und sich folglich "schreckliche Dinge" kaufen und in die Wohnung hängen.

Ein wahrhaftiges Kunstwerk hingegen sollte sowohl formal gelöst als auch inhaltlich stimmig sein. Dies setzt voraus, dass der Künstler zum einen ästhetische (formgebende) Kompetenz besitzt, zum anderen aber auch Bewusstheit und die Fähigkeit, seine künstlerische Aussage zu formulieren.

Ich glaube, der schwierige Punkt ist eben diese künstlerische Aussage. Sie ist etwas sehr Persönliches, untrennbar mit dem Erleben und Lebensweg des Künstlers verbunden. Eine wahre künstlerische Aussage ist immer persönlich und intim. Das macht den Künstler angreifbar und verletzlich. Ich denke, das scheuen viele selbsternannte Künstler und ziehen sich dann auf Gemeinplätze zurück, also Aussagen die "gut" und "wahr" sind, also vermeintlich unangreifbar, nur leider auch ohne echte Verwurzelung in ihrer eigenen Person. Letztlich ist ihr Werk dann auch nicht wirklich Kunst.

Vergangenen Herbst haben ich in Zusammenarbeit mit anderen Künstlern ein größeres Projekt realisiert. Es heißt "Hommage an..." und ich untersuche dort die Quellen von Inspiration in der künstlerischen Arbeit. Dabei ist mir aufgefallen, das jedes Kunstwerk Ausdruck von Erkenntnis ist, und dass dies beim Kunstschaffen speziell die intuitive Erkenntnis ist. Diese hat mit Phantasie und Wahrnehmung zu tun; sie vermittelt Vorstellungsbilder aber keine verstandesmäßig greifbaren Begriffe.

Künstler unter sich

Eine künstlerische Aussage ist immer individuell. Gruppenbildung und eine daraus folgende Konfrontation zwischen verschiedenen Gruppen ist deshalb kaum möglich. Meine persönliche Erfahrung in der Begegnung mit Künstlern ist normalerweise eine sehr große Offenheit und Vertrautheit. Sobald ich sehe, dass ein Kollege "gute Arbeit" macht, d. h. sich um eine persönliche, intime, künstlerische Aussage bemüht, dann weiß ich, was er/sie erlebt hat - denn auch ich bin durch diese Himmel oder Höllen gegangen, ich erkenne sie wieder in seinem Werk. Natürlich kann er oder sie dabei zu anderen künstlerischen Aussagen kommen als ich - aber deswegen sind die nicht "falsch", sondern es sind das dann einfach andere Kapitel aus dem Buchs des Lebens. Unter Künstlern gibt es meist einen Grundtenor des Einverständnisses, den ich anderswo nie so erlebt habe. Kunst und Kunstschaffen sind tatsächlich menschlich sehr verbindende Tätigkeiten.

Was ist Kitsch?

Ist spirituelle oder religiöse Kunst kitschig? Wieso sollten spirituelle Menschen Künstler sein? Idealerweise sind sie spirituell bewusste Menschen, aber das heißt ja nicht, dass sie ästhetisch kompetent sind. In der Wikipedia finde ich über Kitsch Folgendes: "Kitsch steht zumeist abwertend gemeinsprachlich für einen aus Sicht des Betrachters emotional minderwertigen, sehnsuchtsartigen Gefühlsausdruck. In Gegensatz gebracht zu einer künstlerischen Bemühung um das Wahre oder das Schöne bewerten Kritiker einen zu einfachen Weg, Gefühle auszudrücken als sentimental, trivial oder kitschig ... Als psychologische oder soziale Attribute solcher als kitschig bezeichneten Empfindungen nennt die Kritik: Konfliktlosigkeit, Kleinbürgerlichkeit, Massenkultur, Verlogenheit, Stereotypisierung, Zurückgebliebenheit, Wirklichkeitsflucht, falsche Geborgenheit oder etwa dümmlich Tröstendes ... Dabei zielt der Vorwurf der Kritik zunächst weniger auf einen Mangel an Wahrheit, wie bei schlechter Kunst, sondern häufig auf die psychologische Berechnung des Kitsches: die "kalkulierte Gefühlsverlogenheit".

Jeff Koons: begnadet kitschig

Mir ist etwas unwohl bei der Aussage, das Gegenteil von Kunst sei Kitsch. Für mich ist Kitsch eine formale Sprache, die man als Ausdrucksmedium für künstlerische Aussagen gut verwenden kann. Jeff Koons zum Beispiel ist meist fürchterlich kitschig, aber er ist ein begnadeter Künstler. Kitsch ist eine Ausdrucksform, so wie man als Ausdrucksform auch abstrakten Expressionismus oder Konkrete Kunst wählen könnte.
Das Dilemma entsteht, wenn die künstlerische Aussage fehlt: Dann bleibt der Versuch "Kunst" zu schaffen nur eine leere Geste. Das Ergebnis ist in so einem Fall - wenn wir mal bei der Malerei bleiben - ein handwerklich akzeptables Werk, schön anzuschauende Bilder, die aber irgendwie leer sind. Vielleicht so wie ein schöner Körper ohne Seele. Der Bilder-Körper ist möglicherweise aus dem Formenkanon des Kitsch geboren (oder auch z. B. aus dem Formenkanon des Abstrakten). Aber das Problem ist nicht der "Kitsch", sondern vielmehr die Abwesenheit einer intimen künstlerischen Aussage.

Allerdings braucht es einige Sensibilität um das Fehlen der Seele wahrzunehmen.

Design

Eigentlich bildet sich der Künstler in seiner Kunst selbst ab. Er wiederum ist vom Zeitgeist und von seinem kulturellen Umfeld geprägt. Was allein vom Zeitgeist lebt und diesen rein abbildet, das ist Design. Der Hauptunterschied zwischen Design und Kunst ist, dass Design nicht den Anspruch erhebt, die innere Befindlichkeit des Künstlers zu transportieren, sondern eine Botschaft, die zum Beispiel vom Zeitgeist vorgegeben ist.

Kunstkritik

Die Beurteilung eines Kunstwerkes sagt immer auch etwas über den Betrachter aus. Wenn mir ein Kunstwerk nichts sagt, kann das heißen: Es entbehrt der Aussage, oder aber ich bin unfähig die sehr wohl vorhandene Aussage zu verstehen. Das heißt dann nur, dass das Kunstwerk und ich nicht kompatibel sind. Das kann man wahrnehmen, ohne diese Tatsache zu werten und daraufhin agieren zu müssen. Ich glaube, es ist wichtig, Dinge einfach auch mal stehen zu lassen, anstatt zu urteilen. Gut, mancher Devotionalienkitsch ist schon ziemlich sch..., aber was soll's. Es ist doch nicht wirklich mein Bier, ob die Leute das kaufen oder nicht. Sollen sie doch. Andernfalls landet man irgendwann bei einer Doktrin darüber, was akzeptabel ist und was "entartet". Das wäre ein Armutszeugnis des Urteilenden über sich selbst.

Deshalb: Lassen wir die schlechten Künstler weiterhin ihre grauenhaft schlechte "Kunst" produzieren und an ein künstlerisch inkompetentes Publikum verkaufen ohne all dies zu werten. Und wenden wir uns der Kunst zu! Denn, wie Wim Wenders es so wunderschön formulierte: Nous nous sommes embarqués, wir haben uns auf den Weg gemacht ...

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