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Essay zur Kunst des 20. Jahrhunderts

Ich habe vor kurzem eine Rede von Werner Haftmann (1) gelesen, in der er den Zusammenhang zwischen Moderner Malerei und dem gewandelten Welt- und Selbstverständnis des Menschen im 20. Jahrhundert erläutert. (2)

Ein neues Weltbild: Dinge sind Energie

Im 20. Jahrhundert gewann die Menschheit Erkenntnisse, die das gesamte, bis dahin gültige Weltbild völlig veränderten: es gab die schlimmsten Kriege, es entstanden politische Systeme, die dem Menschen größtmögliche Freiheiten und zugleich existenziellste Lebensangst brachten, das Bild von der Welt an sich wandelte sich vollkommen. Was die Menschen bisher als ihre Grundfesten erkannt hatten - der Baum, der Tisch, das Haus - wurde durch die neuen Erkenntnisse der Naturwissenschaften relativiert, plötzlich bestanden die vormals "festen" Dinge aus schwer greifbaren Kraftfeldern, aus Atomen, Molekülen, Elektronen, denen die innewohnende Energie die entsprechende Gestalt verlieh.

Ein blühender Kirschbaum, der sich früher selbst völlig genügte, wurde plötzlich zur Manifestation eines größeren und allgemeineren Phänomens: dem des Wachsens (und eventuell Vergehens), genetische Prozesse, etc. Zum Interesse der Menschen an statischen Dingen, an dem was IST, gesellte sich das Interesse an dynamischen Prozessen, an "energetischer Wahrheit".

Eine neue Sprache: abstrakte Malerei

Die repräsentative Malerei befasst sich mit dem Ist-Zustand der Dinge und untersucht diesen. Aber für die Darstellung der neuentdeckten dynamischen und energetischen Prozessen musste eine neue Sprache gefunden werden, und man fand sie in der abstrakten Malerei. Deswegen gibt es auch abstrakte Bilder, die gegenständliche Titel tragen: der Künstler war nicht von der äußeren Erscheinungsform ergriffen, und gab sich dieser hin, sondern von der innewohnenden Dynamik, die er dann darstellte.

Dazu muss man verstehen, dass das moderne Denken eine Kombination aus hellwacher, logischer Intelligenz auf der einen, und tiefer Intuition auf der anderen Seite ist. Man denkt oft, dass die "Naturwissenschaftler" nur logischen denken, dennoch wären die Quantensprünge der Erkenntnis, die großen, wichtigen Entdeckungen, ohne Intuition niemals erfolgt.

Der abstrakt arbeitende Künstler kombiniert beiden Fähigkeiten, und v. a. mit Hilfe seiner Intuition kann er sich hineindenken, hineinfühlen in Dinge und Gegenstände, und ihre innere, unsichtbare Struktur erfassen.

Haftmann sagt, dass die moderne Kunst auf der einen Seite unendlich zerebral (was ihre Mittel betrifft), und auf er anderen Seite unendlich meditativ (was ihre Inhalte betrifft) ist.

"Ich suche nicht, ich finde"

Moderne Malerei ist Ateliermalerei - sie entstehlt nicht in der Natur, im Jubel der Erscheinungen, sondern im Atelier, in der Zelle, im arbeitsamen Manipulieren mit ihren Mitteln aus Meditation und Erinnerung. Dabei ist die moderne Kunst nach vorne orientiert, es ist eine "Freiheit nach vorne", ein Finden. Picasso Zitat "Ich suche nicht, ich finde" drückt diesen wichtigen Kernpunkt aus: würde der Künstler "suchen", hieße das, dass schon etwas Vorgewusstes da ist, ein dunkel geahntes Ziel. "Finden" hingegen heißt vollkommene Voraussetzungslosigkeit, Offenheit für alles, der grundsätzlich experimentelle Charakter des Schaffensprozesses.

Erkenntnisgewinn im Bild zugänglich gemacht

Warum macht sich der Künstler auf zu diesem Abenteuer des Findens, und warum verlangen die Menschen nach Kunst? In jedem von uns, die wir so viel wissen, gibt es Ungewusstes, nur vage Gespürtes. Und der Mensch sehnt sich danach, eben dieses etwas zu berühren, sodass es bewusst/gewusst, und so zum Teil unserer aktiven Lebenskraft wird.

Der Künstler macht sich auf nach diesem "Etwas", wie ein Jäger, der in die Wildnis zieht. Und in seinen Werken bringt er die Beute zurück, um sie der Gemeinschaft zur Verfügung zu stellen.

Denn die Erkenntnis , die er gefunden hat, ist dem Betrachter durch das Bild zugänglich. Darum soll der Besucher einer Ausstellung ebenso offen an die Kunst herantreten, wie das der Künstler in die Welt tut: nicht mit einer Haltung des Suchens, die ihm immer nur wieder Bestätigungen für das bringen wird, was er längst weiß, sondern mit einer Haltung des Findens: Offen sein, fragende Neugier, liebevolle Erwartung.

Die moderne Kunst, sagt Haftmann, ist im wesentlichen "l'art pour l'homme", Kunst für den einzelnen, und dient seiner Begegnung mit dem Bewusstsein um seine eigene Einmaligkeit und Unwiederbringlichkeit, die die Würde des Menschen ist.

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